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Fotomotive der Weltreise
Olaf's Blog August 06

Unser Blog / First Blog

Olaf's Blog August 06

Khatgal, 27. August 2006
 
Die grosse mongolische Überraschung
 
Heute ist der fünfte Tag unserer Tour durch den Norden der Mongolei. Wir übernachten wie jede Nacht in einem Ger, wie die Mongolen ihre Jurten nennen. An den Plätzen, an denen wir übernachten, sind die echten Mongolen allerdings schon in Holzhäuser umgezogen und überlassen die Gers ankam.
 den Touristen, von denen es hier überraschend viele gibt. "Viele Touristen" ist allerdings ein relativer Begriff angesichts der unglaublichen Leere des Landes. Hinzu kommt, dass wir jetzt schon über acht Wochen unterwegs sind und in Russland wir einen ganzen Monat lang keinen Ausländer gesehen haben.
 
Wir fahren fast jeden Tag viele Stunden in einem Minibus, den die Russen vor ca. 30 Jahren für ihre Rote Armee entwickelt haben und noch aus der kommunistischen Vergangenheit der Mongolei übrig geblieben ist. Dieser Bus fasst neben dem Fahrer und uns noch vier weitere Reisende, mit denen wir uns in Ulan-Bator für diese Tour zusammengetan haben. Dies sind die 24jährige Krysta aus Kanada, der 35jährige aus dem Libanon stammende und in Paris lebende Yafeh sowie die beiden Anfang 30jährigen Däninnen Line und Louise aus Kopenhagen.
 
Nach 3 Jahren Englisch unterrichten in Japan ist Krysta auf dem langen Weg nach Grenoble in Frankreich, wo sie im September nächsten Jahres ihren Masterstudiengang in International Business beginnen will. Bis dahin reist sie wie wir durch die Welt und wird eine ganze Menge Länder besuchen.
 
Yafeh reist jedes Jahr nur einen Monat, da er in Paris seit einiger Zeit als Selbständiger seinen "Salon de The" betreibt. Er arbeitet jeden Tag zehn Stunden, um seinen 30 Gästen Platz bietenden Teesalon profitabel zu betreiben. Jedes Jahr im August schliesst er seinen Laden, um für einen Monat auf Reisen zu gehen. In den letzten Jahren hat er u.a. Indien und Usbekistan bereist. Bevor Yafeh seinen "Salon de The" gegründet hat, hatte er Architektur studiert und u.a. drei Jahre für den deutschen Kunstbuchverlag Taschen gearbeitet.
 
Line und Louise sind ein Paar wie Sabine und ich (na ja - fast;-). Sie haben unbezahlten Urlaub von ihren Arbeitgebern bekommen. Line hat ihr Master-Degree in Pharmazie in Australien gemacht und arbeitet in der Qualitätssicherung eines Pharmaherstellers. Louise ist Lehrerin für Sport, Englisch, Mathematik und Kunst in Kopenhagen. Die Beiden haben 10 Monate Zeit und eine ähnliche Route wie wir. Allerdings wollen sie nicht weiter als nach Australien, weil sie dort Freunde besuchen wollen.
 
Wir fahren im Konvoi mit einem weiteren Russen-Bus, in dem sich sechs Iren befinden. Diese sind aus der selben Ecke aus der Nähe von Dublin und auf dem Weg von St. Petersburg nach Australien, wo sie gern arbeiten wollen. Drei Mädels aus der Gruppe sind Grundschullehrerinnen und haben eine einjährige Auszeit bekommen. Die anderen drei haben einfach ihre Jobs gekündigt und hoffen auf eine gute Chance in Australien. Die Iren sind gute Party-People und räumen in jedem Laden, an dem wir vorbeikommen, das Bierregal komplett aus, um die Vorräte noch am selben Abend zu venichten.
 
Zwei Busse mit zusammen 12 Touristen sind für mongolische Verhältnisse schon eine Menge Touristen. Auf unserem Weg durch die mongolische Landschaft treffen wir allerdings stundenlang gar niemanden, sondern sehen nur die Gers der Mongolen von weitem. Die Viezüchter mit ihren riesigen Herden von Pferden, Yaks, Schafen und Ziegen wohnen tatsächlich noch in ihren Jurten und führen ein sehr tradionelles Leben. Allerdings zeugen die Setellitenschüsseln und Solarzellen davon, dass auch in den Gers ein Teil der modernen Gesellschaft über den Fernseher Einzug hält.
 
Die Mongolen, die wir auf unserem Weg treffen, sind alle ausgesprochen freundlich und Reisenden gegenüber aufgeschlossen. Da wir kein Mongolisch sprechen und die hiesigen Englischkenntnisse äuβerst rudimentär sind, können wir leider keine umfangreichen Unterhaltungen führen. Im Gegensatz zu der Behauptung der Russen, dass viele Mongolen Russisch sprechen würden, ist dies in der Realität nicht so. Den Mongolen scheint es mehr als auszureichen, dass Stalin ihnen in den 1930ern kiryllische Buchstaben verpasst hat, um damit die traditionellen mongolischen Schriftzeichen abzulösen. Unser Wissen über die Mongolei müssen wir also aufgrund mangelnder Kommunikationsmöglichkeiten mit den Einheimischen unserem Lonely Planet Reiseführer (siehe Rezension) entnehmen. Es handelt sich mit einem durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von ca. 1.900 US$ um ein sehr armes Land, welches gemessen an diesen Indikator auf dem 175sten Platz von insgesamt 200 Nationen belegt.
 
Uns hat die Mongolei bislang sehr positiv überrascht, sowohl was die Attraktivität der Landschaft angeht als auch die Möglichkeit, dieses Land relativ einfach zu bereisen. Von Ulan-Bator aus kann man Touren mit den schon erwähnten Minibussen buchen. Die drei Hauptgebiete, die bereist werden können, sind die Wüste Gobi im Süden, die Ausläufer des Altai im Westen und die Steppen, Waldgebiete und Seen im Norden. Wir haben uns für die Nordtour entschieden und geniessen vor allem die weite, leere Landschaft, die erstaunlich abwechslungsreich ist. Auch das Wetter hat von strahlenden Sonnenschein, über Hagel bis zu Schneefall im August alles zu bieten. Neben der Landschaft konnten wir auch die historische Hauptstadt Karakorum besichtigen, von der aus Dschingis Khan das flächenmässig grösste Reich in der Geschichte der Menschheit regiert hat.
 
Insgesamt können wir die Mongolei als Reiseland sehr empfehlen. Besonders lohnt es sich sicherlich, wenn man ein guter Reiter ist. Dann kann man sich eines der vielen Pferde für ca. 150-200 US$ kaufen und von Ger zu Ger reiten. Zumindest laut Reiseführer sind die Nomadenfamilien so gastfreundlich, dass man immer eine Unterkunft bei ihnen findet. Wir werden uns das für eine zukünftige Reise aufheben und geniessen das Land vorerst aus dem Busfenster. Für das genaue Reisetagebuch empfehle ich Sabines Blog.



Ulan-Bator, 21. August 2006
 
Eilige Abreise im Schmugglerzug
 
Lenin hat vermutlich deshalb die Oktoberrevolution zum Sieg geführt, weil er seine Russen im Besonderen und die Menschen im Allgemeinen sehr gut kannte. Der ihm zugeschriebene Leitspruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." war auch immer der meine. Anlässlich unserer Weltreise hatte ich mir allerdings vorgenommen, den Menschen etwas mehr Vertrauen entgegenzubringen. Ein schwerer Fehler, wie ich leider auf der Insel Olchon feststellen musste.
 
Der Russe Gregory, der dort einen Internet-Service betreibt, sollte gegen den Wucher-Preis von 100 Rubel pro CD (3 € - in Moskau oder Irkutsk kostet es ein Drittel!) unsere 1 GB Speicherkarte mit 600 Fotos auf CDs kopieren, um einen Datenverlust zu verhindern und Platz für neue Fotos zu schaffen. Das Ergebnis war, dass wir unsere Karte demoliert und unlesbar zurückbekommen haben und neben dem Kartenpreis von 80 € auch ca. 150 Fotos von der BAM und Baikalsee unwiederbringlich verloren sind. Das wirklich Unverschämte ist aber, dass Gregory sein Verschulden auch noch leugnet. Also sollte jemand nach Olchon reisen, von Gregorys überteuerten Internet-Service unbedingt die Finger lassen! Da er nicht nur Internet-Services sondern auch Touren über die Insel anbietet, rate ich natürlich auch davon ab.
 
Nachdem mich diese Aktion ziemlich geärgert hatte, war meine Freude an der wirklich wunderschönen Baikalinsel Olchon leider etwas getrübt. Dennoch ist Olchon mit Sicherheit ein Highlight unserer Russlandreise gewesen. Ich würde es mal als russisches Sylt bezeichen, obwohl ihre Grösse mit 72 km Länge und einer durchschnittlichen Breite von 15 km bei einer Einwohnerzahl von 1.500 wie alles Greographische in Russland jegliche deutsche Dimensionen sprengt. Fakt ist jedoch, dass es sich um teils wunderschöne gewellte Steppenlandschaft handelt, deren auf den ersten Blick spärliche Vegetation sich beim zweiten Hinsehen als eine grosse Vielfalt wilder Blumen herausstellt, von denen zur jetzigen Jahreszeit aber nur noch wenige blühen. Ausserdem gibt es an den vom Wind abgewandten Stellen im Osten und Norden sehr schöne Waldgebiete. Olchon bedeutet übersetzt auch soviel wie "kleines Wäldchen". Hinzu kommen wilde Klippen, sanfte Strände und spektakuläre Ausblicke über den einem Meer gleichenden Baikalsee.
 
Für russische Verhältnisse ist der Tourismus auf der Insel Olchon extrem professionalisiert. Zwar wurde die Insel erst in letzten Jahr an das Stromnetz angeschlossen und ein Mobilfunkmast aufgestellt, während sämliche Strassen noch unasphaltiert sind, aber es gibt schon länger eine grosse Menge von relativ einfachen Unterkünften in ein- bis zweigeschossigen Holzhäusern. Der Pionier und Marktführer in Sachen Vermietung und Touren ist Nikita, bei dem fast alle Russen und Ausländer quasi zwangsläufig als erstes aufschlagen. Unsere Erfahrungen mit ihm waren eher nicht so toll, so dass wir uns für eine Alternativunterkunft in der Nähe der Kirche mit erstklassigen Blick über Bucht und Dorf entschieden haben (Sergej & Nadeschda, Tel.: +7-908-666-24-38).
 
Neben dem Ausblick ist ein absolutes Highlight dieser Unterkunft eine tradionelle russische Banja in einer Blockhütte mit Holzofen und Birkenreisig zum Auspeitschen. Aufgrund der auch bei sonnigen Sommerwetter nicht besonders hohen Tagestemperaturen, die am Abend schnell bis an die 10 Grad absinken, ist ein Banja-Besuch natürlich ein besonderes Vergnügen. Grob zusammengefasst ist die Banja einer deutschen Sauna ziemlich ähnlich. Allerdings ist die Atmosphäre in einer Blockhütte wesentlich gemütlicher. Das Prasseln des Holzofens und das Birkenreisig tun ihr übriges. Das Birkenreisig sorgt für einen angenehmen Duft. Dieser entfaltet sich allerdings nur, wenn man sich oder andere mit dem zuvor befeuchteten Reisig auspeitscht. Das regt den die Durchblutung und den Kreislauf an und soll wohl auch die Seele reinigen. Jedenfalls ein guter Tipp für deutsche SM Clubs.
 
Trotz dieser, von Gregory einmal abgesehen, sehr schönen Erlebnisse hatten wir nach gut 7 Wochen Russland dann doch keine Lust mehr, weiter dort zu bleiben. Irgendwie fanden wir, dass es Zeit für etwas Neues ist. Wir haben uns nach Irkutsk aufgemacht, wo die Fahrt in der hiesigen, völlig überfüllten Vorkriegsstrassenbahn ein weiteres eher seltsames Highlight der sibirischen Provinzstädte war und konnten am Bahnhof unser eigentlich für den 25. August gelöstes Ticket auf den nächsten Tag, den 20. August, 6 Uhr morgens umdatieren. Schnell haben wir noch unsere Fotos in einem professionellen Internet-Café gesichert und haben dann eher unfreilig im Reisezentrum des hiesigen Bahnhofs übernachtet, da der Zug schon am nächsten Morgen um 6 Uhr fuhr.
 
Nachdem der Zug gegen Nachmittag auf die mongolische Grenze zusteuerte, war das bis zum Baikalsee noch durchweg europäisierte Asien seit dem letzten Zwischenhalt in Ulan-Ude, Haupstadt der autonomen burjatischen Republik Russlands, auf einmal wirkliches Asien mit jeder Mengen Schlitzaugen. Diese blickten nervös in alle Abteile, wo sie noch etwas von ihrem Schmugglergut vor dem Zoll verstecken konnten. Auf einmal kamen jede Menge Kartons aus allen Ecken des Zugs zum Vorschein und sollten auf die einzelnen Reisenden in jeweils zollunkritische Mengen verteilt werden. Wir haben uns als Ausländer natürlich geweigert, bei den Locals, schien es aber zu funktionieren, insbesondere da die Schaffnerin die ganze Aktion auch noch zu koordinieren schien. Nach der Grenze wurde der ganze Kram wieder eingesammelt. Soweit ich das erkennen konnte, handelte es sich um Kristallvasen und ähnliches. Ob sich der Aufwand wohl lohnt, wer weiβ?
 
Aufgefallen waren uns im Zug noch jede Menge Reisegruppen europäischer Menschen im Rentenalter, die ich eher im Rahmen einer Butterfahrt auf einer deutschen Autobahnraststätte vermutet hätte als in der unbequemen zweiten Klasse der Transsibirischen Eisenbahn. Wir hatten unsere Fahrt entlang der Strecke ja häufig unterbrochen, diese Leute hatten allerdings einen, maximal zwei kurze Stopps hinter sich. Man muss schon besonders eisenbahnfanatisch sein, um 7 Tage dauerndes Zugfahren gut zu finden. Auf jeden Fall ist ein Trend zum abenteuerorientierten Gruppenreisen bei Rentnern zu erkennen.
 
Jetzt sind wir also in Ulan-Bator, welches auf den ersten Blick deutlich stärker touristisiert ist, als wir es erwartet hätten. Am Bahnhof hat uns direkt nach dem Ausstieg eine Traube von Leuten umlagert, die uns in ihr jeweiliges "Guest House" bringen wollten. In Russland wäre so etwas undenkbar gewesen. Wir sind schliesslich einer sympathischen Dame gefolgt und haben es bislang noch nicht bereut.


  Lenin hat vermutlich deshalb die Oktoberrevolution zum Sieg geführt, weil er seine Russen im Besonderen und die Menschen im Allgemeinen sehr gut kannte. Der ihm zugeschriebene Leitspruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." war auch immer der meine. Anlässlich unserer Weltreise hatte ich mir allerdings vorgenommen, den Menschen etwas mehr Vertrauen entgegenzubringen. Ein schwerer Fehler, wie ich leider auf der Insel Olchon feststellen musste.  Der Russe Gregory, der dort einen Internet-Service betreibt, sollte gegen den Wucher-Preis von 100 Rubel pro CD (3 € - in Moskau oder Irkutsk kostet es ein Drittel!) unsere 1 GB Speicherkarte mit 600 Fotos auf CDs kopieren, um einen Datenverlust zu verhindern und Platz für neue Fotos zu schaffen. Das Ergebnis war, dass wir unsere Karte demoliert und unlesbar zurückbekommen haben und neben dem Kartenpreis von 80 € auch ca. 150 Fotos von der BAM und Baikalsee unwiederbringlich verloren sind. Das wirklich Unverschämte ist aber, dass Gregory sein Verschulden auch noch leugnet. Also sollte jemand nach Olchon reisen, von Gregorys überteuerten Internet-Service unbedingt die Finger lassen! Da er nicht nur Internet-Services sondern auch Touren über die Insel anbietet, rate ich natürlich auch davon ab.  Nachdem mich diese Aktion ziemlich geärgert hatte, war meine Freude an der wirklich wunderschönen Baikalinsel Olchon leider etwas getrübt. Dennoch ist Olchon mit Sicherheit ein Highlight unserer Russlandreise gewesen. Ich würde es mal als russisches Sylt bezeichen, obwohl ihre Grösse mit 72 km Länge und einer durchschnittlichen Breite von 15 km bei einer Einwohnerzahl von 1.500 wie alles Greographische in Russland jegliche deutsche Dimensionen sprengt. Fakt ist jedoch, dass es sich um teils wunderschöne gewellte Steppenlandschaft handelt, deren auf den ersten Blick spärliche Vegetation sich beim zweiten Hinsehen als eine grosse Vielfalt wilder Blumen herausstellt, von denen zur jetzigen Jahreszeit aber nur noch wenige blühen. Ausserdem gibt es an den vom Wind abgewandten Stellen im Osten und Norden sehr schöne Waldgebiete. Olchon bedeutet übersetzt auch soviel wie "kleines Wäldchen". Hinzu kommen wilde Klippen, sanfte Strände und spektakuläre Ausblicke über den einem Meer gleichenden Baikalsee. Für russische Verhältnisse ist der Tourismus auf der Insel Olchon extrem professionalisiert. Zwar wurde die Insel erst in letzten Jahr an das Stromnetz angeschlossen und ein Mobilfunkmast aufgestellt, während sämliche Strassen noch unasphaltiert sind, aber es gibt schon länger eine grosse Menge von relativ einfachen Unterkünften in ein- bis zweigeschossigen Holzhäusern. Der Pionier und Marktführer in Sachen Vermietung und Touren ist Nikita, bei dem fast alle Russen und Ausländer quasi zwangsläufig als erstes aufschlagen. Unsere Erfahrungen mit ihm waren eher nicht so toll, so dass wir uns für eine Alternativunterkunft in der Nähe der Kirche mit erstklassigen Blick über Bucht und Dorf entschieden haben (Sergej & Nadeschda, Tel.: +7-908-666-24-38). Neben dem Ausblick ist ein absolutes Highlight dieser Unterkunft eine tradionelle russische Banja in einer Blockhütte mit Holzofen und Birkenreisig zum Auspeitschen. Aufgrund der auch bei sonnigen Sommerwetter nicht besonders hohen Tagestemperaturen, die am Abend schnell bis an die 10 Grad absinken, ist ein Banja-Besuch natürlich ein besonderes Vergnügen. Grob zusammengefasst ist die Banja einer deutschen Sauna ziemlich ähnlich. Allerdings ist die Atmosphäre in einer Blockhütte wesentlich gemütlicher. Das Prasseln des Holzofens und das Birkenreisig tun ihr übriges. Das Birkenreisig sorgt für einen angenehmen Duft. Dieser entfaltet sich allerdings nur, wenn man sich oder andere mit dem zuvor befeuchteten Reisig auspeitscht. Das regt den die Durchblutung und den Kreislauf an und soll wohl auch die Seele reinigen. Jedenfalls ein guter Tipp für deutsche SM Clubs. Trotz dieser, von Gregory einmal abgesehen, sehr schönen Erlebnisse hatten wir nach gut 7 Wochen Russland dann doch keine Lust mehr, weiter dort zu bleiben. Irgendwie fanden wir, dass es Zeit für etwas Neues ist. Wir haben uns nach Irkutsk aufgemacht, wo die Fahrt in der hiesigen, völlig überfüllten Vorkriegsstrassenbahn ein weiteres eher seltsames Highlight der sibirischen Provinzstädte war und konnten am Bahnhof unser eigentlich für den 25. August gelöstes Ticket auf den nächsten Tag, den 20. August, 6 Uhr morgens umdatieren. Schnell haben wir noch unsere Fotos in einem professionellen Internet-Café gesichert und haben dann eher unfreilig im Reisezentrum des hiesigen Bahnhofs übernachtet, da der Zug schon am nächsten Morgen um 6 Uhr fuhr. Nachdem der Zug gegen Nachmittag auf die mongolische Grenze zusteuerte, war das bis zum Baikalsee noch durchweg europäisierte Asien seit dem letzten Zwischenhalt in Ulan-Ude, Haupstadt der autonomen burjatischen Republik Russlands, auf einmal wirkliches Asien mit jeder Mengen Schlitzaugen. Diese blickten nervös in alle Abteile, wo sie noch etwas von ihrem Schmugglergut vor dem Zoll verstecken konnten. Auf einmal kamen jede Menge Kartons aus allen Ecken des Zugs zum Vorschein und sollten auf die einzelnen Reisenden in jeweils zollunkritische Mengen verteilt werden. Wir haben uns als Ausländer natürlich geweigert, bei den Locals, schien es aber zu funktionieren, insbesondere da die Schaffnerin die ganze Aktion auch noch zu koordinieren schien. Nach der Grenze wurde der ganze Kram wieder eingesammelt. Soweit ich das erkennen konnte, handelte es sich um Kristallvasen und ähnliches. Ob sich der Aufwand wohl lohnt, wer weiβ? Aufgefallen waren uns im Zug noch jede Menge Reisegruppen europäischer Menschen im Rentenalter, die ich eher im Rahmen einer Butterfahrt auf einer deutschen Autobahnraststätte vermutet hätte als in der unbequemen zweiten Klasse der Transsibirischen Eisenbahn. Wir hatten unsere Fahrt entlang der Strecke ja häufig unterbrochen, diese Leute hatten allerdings einen, maximal zwei kurze Stopps hinter sich. Man muss schon besonders eisenbahnfanatisch sein, um 7 Tage dauerndes Zugfahren gut zu finden. Auf jeden Fall ist ein Trend zum abenteuerorientierten Gruppenreisen bei Rentnern zu erkennen. Jetzt sind wir also in Ulan-Bator, welches auf den ersten Blick deutlich stärker touristisiert ist, als wir es erwartet hätten. Am Bahnhof hat uns direkt nach dem Ausstieg eine Traube von Leuten umlagert, die uns in ihr jeweiliges "Guest House" bringen wollten. In Russland wäre so etwas undenkbar gewesen. Wir sind schliesslich einer sympathischen Dame gefolgt und haben es bislang noch nicht bereut.

Severobaikalsk, 13. August 2006

Russen-Urlaub

Ostsee an der BAM

Die Sonne scheint. Ich liege am Strand und habe die Augen geschlossen. Der Wind ist frisch, bauscht das Wasser auf und treibt die Wellen an den Strand. Irgendwie ist alles wie ich es aus meiner Kindheit kenne, als ich im Sommer am breiten Ostseestrand in Warnemünde gelegen habe.

Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich hohe Wellen und das Glitzern des Wassers in der Sonne. Lasse ich meinen Blick schweifen, sehe ich eine hohe Bergkette. Diese ist ca. 40 km entfernt und befindet sich auf dem gegenüberliegenden Ufer des Baikalsees, dem grössten und tiefsten See unseres Planeten, der ein Fünftel des nicht gefrorenen Süsswasservorrats der Erde beinhaltet. An seiner tiefsten Stelle ist dieser See  1.637 m tief und dehnt sich von Nord nach Süden 636 km aus. Wenn jedoch die Augen schliesse, liege ich an der Ostsee. Ganz sicher.

Hierher gebracht hat uns einer der gröβten Errungenschaften des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion, die Baikal-Amur-Magistrale - kurz BAM genannt. Diese Eisenbahnlinie ist 3.100 km lang und wurde 17 Jahre lang durch die Taiga geschlagen. Die Arbeit wurde 1974 auf Anordnung des damaligen Sowjetführers Breshnew begonnen. Die Sowjets hatten sich zu jener Zeit mit den chinesischen Kommunisten zerstritten und hielten die ursprüngliche Transibirische Eisenbahnroute aufgrund ihrer Nähe zur chinesischen Grenze für potentielle militärische Angriffe der Chinesen als zu verwundbar. Demzufolge verläuft die BAM-Trasse mehrere Hunderte Kilometer nördlich parallel zur Transibirischen Eisenbahn. Als die BAM 1991 endlich fertig war, gab es die Sowjetunion nicht mehr. Geblieben ist eine eher klägliche, weil lange Strecken einspurige Trasse. In Deutschland würden viele der die Flüsse und Täler der sibirischen Wildnis überquerenden Eisenbahnbrücken im besten Fall als Fussgängerbrücken durchgehen. Wie dem auch sei, die BAM hat uns ans Nordende des Baikalsees nach Severobaikalsk, der 25.000 Einwohner umfassenden "Haupstadt der westlichen BAM" (Eigenwerbung) gebracht. Und hier gibt es tatsächlich einen Ostseestrand - wenn man die Augen schliesst.

Outdoor-Russen und Matratzniki

Schon im Stolby-Nationalpark in der Nähe von Krasnojarsk sind sie uns aufgefallen - die Outdoor-Russen. Man kann sie daran erkennen, dass sie genau wie wir einen Rucksack tragen. Das hat den Vorteil, dass wir mit dem unsrigen nicht mehr so auffallen wie gewöhnlich, denn der Rucksack ist auβer bei den Outdoor-Russen hier kein allgemein anerkanntes Reisegepäck.

Outdoor-Russen verbringen ihren Urlaub mit Vorliebe im Wald und kommen oft ganz unverhofft aus selbigen auf die Strasse gesprungen, um einen "Marschrutka" Minibus anzuhalten und mit ihm zurück in die Zivilisation, oder das, was man hier als solche bezeichnet, zu fahren. Während die Hardcore Outdoor-Russen wochenlang in einem Zelt im Wald hausen, sind die etwas verweichlichten Ableger auf sogenannten "Turbasa" zu finden, was man mit dem englischen Begriff "Basecamp" erfassen könnte. Solche Basecamps sind sowohl Ausgangsbasis für Touren in den Wald als auch ausserordentlich basic. Wir konnten ein Basecamp bei unserem Ausflug zu den ca. 25 km Schotterpistenfahrt von Severobaikalsk befindlichen Thermalquellen von Goudzhekit besichtigen. Ich würde die besichtigte Turbasa mal als Barackenlager am Ende der Welt bezeichnen. Auch den Genuss von warmen bis brühend heissem Thermalwasser reduzieren die Russen auf minimalistische Funktionalität ohne jeden Schnörkel. Bei dem Thermalbad neben der beschriebenen Turbasa handelte es um zwei nebeneinander befindliche, ca. 1,60 m tiefe und mit spartanischen schmutziggelben Kacheln verkleidete Löcher im Taigaboden, die jeweils die Grundfläche eines mittelgrossen deutschen Wohnzimmers haben. Während das schwefelhaltige Wasser in dem einen Basin schon sehr warme ca. 40 Grad aufweist, kann man sich in den zweiten Basin begeben, um sich Verbrennungen 1. Grades zuzuziehen. In dem ca. 40 Grad heissen Basin tummeln sich bis zu 25 Menschen, wobei die nichtschwimmenden Kids das Pech haben, auf der Einstiegsleiter sitzen bleiben zu müssen. Das brühend heisse zweite Becken wird verständlicherweise nur von einer verschwindend kleinen Anzahl verbissener Masochisten aufgesucht.

Einen weiteren Beweis ihres Erfindungsreichstums und ihrer Zähigkeit haben uns die Outdoor-Russen bei unserem Katamaran-Ausflug gegeben. Als wir uns für die Tour entschieden hatten, haben wir von der Beschreibung nur mitbekommen, dass es mit einem Katamaran (so lautete das exakte russische Wort) den malerischen Fluss Tyja hinunter gehen sollte. Wir freuten uns also auf einen netten Ausflug, bei dem wir unser Russisch im Gespräch mit den anderen 7 russischen Teilnehmern verbessern können. Als wir an dem Fluss ankamen, stellten wir fest, dass der Katamaran vor Ort aus einem mitgebrachten zusammengenagelten Holzgestell und zwei als Schwimmkörper dienenden aufblasbaren und aus den Orten des hier nicht vorhandenen Massentourismus bekannten schwimmenden Bananen in kleiner Ausführung hergestellt wurde. Da der sich sich daraus ergebende "Katamaran" nur maximal 5 Personen trägt wurden für unsere Gruppe vorsorglich zwei dieser Gefährte fertiggestellt. Dann gings los mit dem Paddel in der Hand in die Kategorie 3 Stromschnellen und damit in das Wildwasser-Rafting Vergnügen nach dem Geschmack der Outdoor-Russen.

Nach der bestandenen dreistündigen Tour beglückwünschte uns unser Floβkapitän und auf den 20 Flusskilometern zuverlässiger Führer Mischa zu unserer erfolgreich bestandenen Rafting-Probe. Wir wurden quasi als Outdoor-Deutsche anerkannt. Mischa freute sich, dass wir zu dieser Kategorie der Urlauber gehören würden. Von den anderen beiden Kategorien, den Matratznikis und den Extremisten, hielt er nicht soviel. Die Matratznikis würden den ganzen Urlaub lang nur an der Matratze horchen, während die Extremisten mit einem Wodkafass anreisen würden und erst am Ende des Urlaubs wieder halbwegs nüchtern bei Tageslicht gesichtet werden würden.

Das Gerücht vom Kometen

Um unseren nächsten geplanten Stopp am Baikalsee, der Insel Olchon, zu erreichen, haben wir uns für eine Fahrt mit dem Tragflächenboot "Kometa" entschieden. Die Alternativen Bahn und Flugzeug mit dem Umweg über Irkutsk dauern doppelt so lang und bieten nicht den gleichen schönen Blick auf das Ufer des Baikalsees wie eine solche Bootsfahrt.

Die Erkundigungen im Dorf ergaben, dass das Wunderwerk sowjetischer Schiffsbaukunst (ich hatte in meinen früheren Schulbüchern viel darüber gelesen) am Montag, Mittwoch und Sonnabend jeweils morgens den Hafen von Severobaikalsk verlassen sollte. Wir hatten uns für Montag entschieden, hörten aber am Sonnabend das Gerücht, dass das Boot aufgrund der wegen Sturms ausgefallenen Sonnabendfahrt am Sonntag und nicht am Montag fahren würde. So machten wir uns also auf und waren am Sonntagmorgen pünktlich um 7.15 Uhr am Anleger. Wie wir bald merkten, hatte das Gerücht von der auβerplanmäβigen Sonntagsfahrt nicht nur uns in den Hafen gelockt. Neben einer ganzen Menge Russen trafen wir auf einmal tatsächlich wieder ausländische Traveller am Anleger. Seit Moskau hatten wir keine mehr getroffen (nur bei Krasnojarsk hatten wir ein paar versprengte Spanier gesichtet). Hier hatten sie sich auf einmal alle versammelt: ca. 10 Polen, die 500 km den sibirischen Fluss Lena herunter gepaddelt waren, ein belgisches Pärchen, ein zusammen reisender deutscher und ein englischer Student von derselben Uni, ein Österreicher mit erstaunlich guten Russischkenntnissen sowie ein australisch/kasachisches Pärchen. Sie kannten sich alle schon vom Vortag, da sie auch dann schon gemeinsam auf das Kometa-Boot gewartet hatten, jenes aber aufgrund der Schlechtwetterwarnung (es heisst, der Baikal verzeiht keine Fehler) nicht im Hafen erschienen ist. Alle hatten gehört, dass das Boot nun vielleicht am Sonntag fahren würde, Genaues wussten aber auch die Russen nicht. Nach einer guten Stunde des Wartens informierte ein Russe die Runde, dass die Kometa auch jetzt nicht fahren würde. Ihn hatte jemand vom Anleger des eigentlichen Abfahrtsort Nischnyangarsk angerufen. Gleichzeitig wäre aber eine Fahrt für den nächsten Tag in Aussicht gestellt worden, sofern das Wetter entsprechend wäre. Am nächsten Tag ist sie dann tatsächlich gefahren, aber der Kapitän hat es nochmal richtig spannend gemacht, indem er uns erst ein knappe dreiviertel Stunde nach der eigentlich geplanten Abfahrtszeit einsteigen lassen hatte.



Die Sonne scheint. Ich liege am Strand und habe die Augen geschlossen. Der Wind ist frisch, bauscht das Wasser auf und treibt die Wellen an den Strand. Irgendwie ist alles wie ich es aus meiner Kindheit kenne, als ich im Sommer am breiten Ostseestrand in Warnemünde gelegen habe.Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich hohe Wellen und das Glitzern des Wassers in der Sonne. Lasse ich meinen Blick schweifen, sehe ich eine hohe Bergkette. Diese ist ca. 40 km entfernt und befindet sich auf dem gegenüberliegenden Ufer des Baikalsees, dem grössten und tiefsten See unseres Planeten, der ein Fünftel des nicht gefrorenen Süsswasservorrats der Erde beinhaltet. An seiner tiefsten Stelle ist dieser See  1.637 m tief und dehnt sich von Nord nach Süden 636 km aus. Wenn jedoch die Augen schliesse, liege ich an der Ostsee. Ganz sicher.Hierher gebracht hat uns einer der gröβten Errungenschaften des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion, die Baikal-Amur-Magistrale - kurz BAM genannt. Diese Eisenbahnlinie ist 3.100 km lang und wurde 17 Jahre lang durch die Taiga geschlagen. Die Arbeit wurde 1974 auf Anordnung des damaligen Sowjetführers Breshnew begonnen. Die Sowjets hatten sich zu jener Zeit mit den chinesischen Kommunisten zerstritten und hielten die ursprüngliche Transibirische Eisenbahnroute aufgrund ihrer Nähe zur chinesischen Grenze für potentielle militärische Angriffe der Chinesen als zu verwundbar. Demzufolge verläuft die BAM-Trasse mehrere Hunderte Kilometer nördlich parallel zur Transibirischen Eisenbahn. Als die BAM 1991 endlich fertig war, gab es die Sowjetunion nicht mehr. Geblieben ist eine eher klägliche, weil lange Strecken einspurige Trasse. In Deutschland würden viele der die Flüsse und Täler der sibirischen Wildnis überquerenden Eisenbahnbrücken im besten Fall als Fussgängerbrücken durchgehen. Wie dem auch sei, die BAM hat uns ans Nordende des Baikalsees nach Severobaikalsk, der 25.000 Einwohner umfassenden "Haupstadt der westlichen BAM" (Eigenwerbung) gebracht. Und hier gibt es tatsächlich einen Ostseestrand - wenn man die Augen schliesst.Schon im Stolby-Nationalpark in der Nähe von Krasnojarsk sind sie uns aufgefallen - die Outdoor-Russen. Man kann sie daran erkennen, dass sie genau wie wir einen Rucksack tragen. Das hat den Vorteil, dass wir mit dem unsrigen nicht mehr so auffallen wie gewöhnlich, denn der Rucksack ist auβer bei den Outdoor-Russen hier kein allgemein anerkanntes Reisegepäck. Outdoor-Russen verbringen ihren Urlaub mit Vorliebe im Wald und kommen oft ganz unverhofft aus selbigen auf die Strasse gesprungen, um einen "Marschrutka" Minibus anzuhalten und mit ihm zurück in die Zivilisation, oder das, was man hier als solche bezeichnet, zu fahren. Während die Hardcore Outdoor-Russen wochenlang in einem Zelt im Wald hausen, sind die etwas verweichlichten Ableger auf sogenannten "Turbasa" zu finden, was man mit dem englischen Begriff "Basecamp" erfassen könnte. Solche Basecamps sind sowohl Ausgangsbasis für Touren in den Wald als auch ausserordentlich basic. Wir konnten ein Basecamp bei unserem Ausflug zu den ca. 25 km Schotterpistenfahrt von Severobaikalsk befindlichen Thermalquellen von Goudzhekit besichtigen. Ich würde die besichtigte Turbasa mal als Barackenlager am Ende der Welt bezeichnen. Auch den Genuss von warmen bis brühend heissem Thermalwasser reduzieren die Russen auf minimalistische Funktionalität ohne jeden Schnörkel. Bei dem Thermalbad neben der beschriebenen Turbasa handelte es um zwei nebeneinander befindliche, ca. 1,60 m tiefe und mit spartanischen schmutziggelben Kacheln verkleidete Löcher im Taigaboden, die jeweils die Grundfläche eines mittelgrossen deutschen Wohnzimmers haben. Während das schwefelhaltige Wasser in dem einen Basin schon sehr warme ca. 40 Grad aufweist, kann man sich in den zweiten Basin begeben, um sich Verbrennungen 1. Grades zuzuziehen. In dem ca. 40 Grad heissen Basin tummeln sich bis zu 25 Menschen, wobei die nichtschwimmenden Kids das Pech haben, auf der Einstiegsleiter sitzen bleiben zu müssen. Das brühend heisse zweite Becken wird verständlicherweise nur von einer verschwindend kleinen Anzahl verbissener Masochisten aufgesucht.Einen weiteren Beweis ihres Erfindungsreichstums und ihrer Zähigkeit haben uns die Outdoor-Russen bei unserem Katamaran-Ausflug gegeben. Als wir uns für die Tour entschieden hatten, haben wir von der Beschreibung nur mitbekommen, dass es mit einem Katamaran (so lautete das exakte russische Wort) den malerischen Fluss Tyja hinunter gehen sollte. Wir freuten uns also auf einen netten Ausflug, bei dem wir unser Russisch im Gespräch mit den anderen 7 russischen Teilnehmern verbessern können. Als wir an dem Fluss ankamen, stellten wir fest, dass der Katamaran vor Ort aus einem mitgebrachten zusammengenagelten Holzgestell und zwei als Schwimmkörper dienenden aufblasbaren und aus den Orten des hier nicht vorhandenen Massentourismus bekannten schwimmenden Bananen in kleiner Ausführung hergestellt wurde. Da der sich sich daraus ergebende "Katamaran" nur maximal 5 Personen trägt wurden für unsere Gruppe vorsorglich zwei dieser Gefährte fertiggestellt. Dann gings los mit dem Paddel in der Hand in die Kategorie 3 Stromschnellen und damit in das Wildwasser-Rafting Vergnügen nach dem Geschmack der Outdoor-Russen.Nach der bestandenen dreistündigen Tour beglückwünschte uns unser Floβkapitän und auf den 20 Flusskilometern zuverlässiger Führer Mischa zu unserer erfolgreich bestandenen Rafting-Probe. Wir wurden quasi als Outdoor-Deutsche anerkannt. Mischa freute sich, dass wir zu dieser Kategorie der Urlauber gehören würden. Von den anderen beiden Kategorien, den Matratznikis und den Extremisten, hielt er nicht soviel. Die Matratznikis würden den ganzen Urlaub lang nur an der Matratze horchen, während die Extremisten mit einem Wodkafass anreisen würden und erst am Ende des Urlaubs wieder halbwegs nüchtern bei Tageslicht gesichtet werden würden.Um unseren nächsten geplanten Stopp am Baikalsee, der Insel Olchon, zu erreichen, haben wir uns für eine Fahrt mit dem Tragflächenboot "Kometa" entschieden. Die Alternativen Bahn und Flugzeug mit dem Umweg über Irkutsk dauern doppelt so lang und bieten nicht den gleichen schönen Blick auf das Ufer des Baikalsees wie eine solche Bootsfahrt.Die Erkundigungen im Dorf ergaben, dass das Wunderwerk sowjetischer Schiffsbaukunst (ich hatte in meinen früheren Schulbüchern viel darüber gelesen) am Montag, Mittwoch und Sonnabend jeweils morgens den Hafen von Severobaikalsk verlassen sollte. Wir hatten uns für Montag entschieden, hörten aber am Sonnabend das Gerücht, dass das Boot aufgrund der wegen Sturms ausgefallenen Sonnabendfahrt am Sonntag und nicht am Montag fahren würde. So machten wir uns also auf und waren am Sonntagmorgen pünktlich um 7.15 Uhr am Anleger. Wie wir bald merkten, hatte das Gerücht von der auβerplanmäβigen Sonntagsfahrt nicht nur uns in den Hafen gelockt. Neben einer ganzen Menge Russen trafen wir auf einmal tatsächlich wieder ausländische Traveller am Anleger. Seit Moskau hatten wir keine mehr getroffen (nur bei Krasnojarsk hatten wir ein paar versprengte Spanier gesichtet). Hier hatten sie sich auf einmal alle versammelt: ca. 10 Polen, die 500 km den sibirischen Fluss Lena herunter gepaddelt waren, ein belgisches Pärchen, ein zusammen reisender deutscher und ein englischer Student von derselben Uni, ein Österreicher mit erstaunlich guten Russischkenntnissen sowie ein australisch/kasachisches Pärchen. Sie kannten sich alle schon vom Vortag, da sie auch dann schon gemeinsam auf das Kometa-Boot gewartet hatten, jenes aber aufgrund der Schlechtwetterwarnung (es heisst, der Baikal verzeiht keine Fehler) nicht im Hafen erschienen ist. Alle hatten gehört, dass das Boot nun vielleicht am Sonntag fahren würde, Genaues wussten aber auch die Russen nicht. Nach einer guten Stunde des Wartens informierte ein Russe die Runde, dass die Kometa auch jetzt nicht fahren würde. Ihn hatte jemand vom Anleger des eigentlichen Abfahrtsort Nischnyangarsk angerufen. Gleichzeitig wäre aber eine Fahrt für den nächsten Tag in Aussicht gestellt worden, sofern das Wetter entsprechend wäre. Am nächsten Tag ist sie dann tatsächlich gefahren, aber der Kapitän hat es nochmal richtig spannend gemacht, indem er uns erst ein knappe dreiviertel Stunde nach der eigentlich geplanten Abfahrtszeit einsteigen lassen hatte.




Krasnojarsk, 08. August 2006

Noch nicht ganz da

Momentan sitzen wir auf dem Krasnojarsker Hauptbahnhof und ich höre die in Tomsk neu erworbenen mp3 einer meiner Lieblingssängerinnen, der russischen Zemfira. Dies habe ich der Russischen Staatsbahn zu verdanken, die hier in Krasnojarsk offensichtlich den einzigen einigermassen vertretbaren Internet- und Computerservice anbietet, so dass ich die Musik nun endlich auf eine Speicherkarte für unseren Minicomputer transferiert bekommen habe. Ich wusste bislang nicht, dass Zemfira verschiedene Studiostücke mit der deutschen Band Rammstein produziert hatte. Beim ersten Hören ist der Crossover aus einem russischen Liebeslied und einer ziemlich schrabbeligen Cover-Version des Kraftwerk-Klassikers Model ziemlich gewöhnungsbedürftig aber nicht uninteressant.

Nach reservierungstechnisch bedingten ungewöhnlich langen 4 Tagen Aufenthalt hier sind wir nun froh, die sibirischen Provinzstädte an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn (Omsk, Tomsk und schliesslich Krasnojarsk) nun endlich hinter uns zu lassen. Nach 36 Stunden hoffentlich nicht allzu anstrengender und einigermassen unterhaltsamen Fahrt in der 3. Klasse (siehe Platzkartnoy Universität) werden wir den Baikalsee an seiner Nordspitze in dem kleinen Ort Servero-Baikalsk (ca. 35.000 Einwohner) erreichen. Dort sehen wir bei bei schon seit Moskau ersehnten wirklich schönem Wetter spannenden Outdoor-Abenteuern entgegegen. Mal sehen, ob das auch so kommt.

Hinter uns lassen wir die Erfahrung, dass der westliche Lebensstil zwar unaufhaltsam aber ausserhalb der Metropolen Moskau und St. Petersburg mit deutlich verlangsamter Geschwindigkeit in den Alltag der russischen Gesellschaft vordringt. Einerseits gibt es z.B. in Tomsk ein hyper-stylisches Fast Food Restaurant mit auf Flachbildschirmen neben MTV Clips animierten Hot Dogs, die im Wettbewerb mit tradionellen russischen Pelmeni um die Gunst der Kundschaft heischen. Auch haben wir in Krasnojarsk eine Sushi- und Cocktailbar mit mit High-End Interior und DJs besucht, die so manchen hippen Laden in Hamburg oder Berlin ziemlich alt aussehen lassen würde. Als es allerdings ans Bestellen ging, wurde uns sehr freundlich aber mit wenig schlechtem Gewissen mitgeteilt, dass von den auf der Karte angepriesenen ca. 35 Cocktails mangels Zutaten nur ca. 5 Longdrinks erhältlich wären. Trotzdem war der Laden voll besetzt und die Leute haben für einen Cocktail mal locker das 1,5fache des einem russischen Rentner zur Verfügung stehenden Tagessatzes ausgegeben.

Neben teilweise sehr überraschenden Inseln westlichen Lebensstils, gibt es aber auch immer wieder Erlebnisse, die noch sehr stark an das alte Sowjetsystem erinnern. Wie schon in dem Blog über Tomsk erwähnt, führt hier beispielsweise der Berufsstand der Putzfrau ein befremdliches Eigenleben. So wurden wir auch im Krasnojarsker Hafen von unseren Warteplätzen gejagt, weil die Putzfrau ganz dringend den gesamten Anleger mit einem Gartenschlauch abspritzen musste. Dies bei einem Fährhafen, in dem schon der Warteraum ganztägig für die Reisenden gesperrt wurde, indem ihm mittels einer mir Kreide hingworfenen handschriftlichen Information an der Tür beschieden wird, dass er ja nicht auf die Idee kommen solle, an der dafür vorgesehen Kasse nach Fahrkarten zu fragen. Diese gäbe es nur auf den jeweiligen Schiffen. Trotz eines ebenfalls mit Kreide angeschriebenen Fahrplans für ein von uns ins Auge gefasstes Ausflugschiffs wurde uns allerdings von der spritzenden Putzfrau etwa 10 Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit mitgeteilt, dass dieses Schiff erst ankommen wird, wenn mindestens 30 Personen an Bord gehen würden. Wenn diese in einer Stunde eingetroffen wären, würde auch unser Boot fahren. Wir könnten ja auf dem frisch abgespritzten Anleger warten.

Wie deutlich wird, ist der Westen ist in Sibirien erst mit einigen Vorboten vertreten, die aber zunehmend Kraft gewinnen. In 10 Jahren wird sicher vieles sich an den westlichen Lebensstil angepasst haben. Auch wenn es um manche kulturelle Eigenart schade sein wird, sicher eine Entwicklung, die die Einheimischen wie die wenigen ausländischen Besuchern begrüssen werden, da sie Ineffizienzen reduzieren und den Service erhöhen wird.

Momentan sitzen wir auf dem Krasnojarsker Hauptbahnhof und ich höre die in Tomsk neu erworbenen mp3 einer meiner Lieblingssängerinnen, der russischen . Dies habe ich der Russischen Staatsbahn zu verdanken, die hier in Krasnojarsk offensichtlich den einzigen einigermassen vertretbaren Internet- und Computerservice anbietet, so dass ich die Musik nun endlich auf eine Speicherkarte für unseren Minicomputer transferiert bekommen habe. Ich wusste bislang nicht, dass Zemfiraverschiedene Studiostücke mit der deutschen Band produziert hatte. Beim ersten Hören ist der Crossover aus einem russischen Liebeslied und einer ziemlich schrabbeligen Cover-Version des Kraftwerk-Klassikers Model ziemlich gewöhnungsbedürftig aber nicht uninteressant.Nach reservierungstechnisch bedingten ungewöhnlich langen 4 Tagen Aufenthalt hier sind wir nun froh, die sibirischen Provinzstädte an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn (, und schliesslich Krasnojarsk) nun endlich hinter uns zu lassen. Nach 36 Stunden hoffentlich nicht allzu anstrengender und einigermassen unterhaltsamen Fahrt in der 3. Klasse (siehe ) werden wir den Baikalsee an seiner Nordspitze in dem kleinen Ort Servero-Baikalsk (ca. 35.000 Einwohner) erreichen. Dort sehen wir bei bei schon seit Moskau ersehnten wirklich schönem Wetter spannenden Outdoor-Abenteuern entgegegen. Mal sehen, ob das auch so kommt.Hinter uns lassen wir die Erfahrung, dass der westliche Lebensstil zwar unaufhaltsam aber ausserhalb der Metropolen Moskau und St. Petersburg mit deutlich verlangsamter Geschwindigkeit in den Alltag der russischen Gesellschaft vordringt. Einerseits gibt es z.B. in Tomsk ein hyper-stylisches Fast Food Restaurant mit auf Flachbildschirmen neben MTV Clips animierten Hot Dogs, die im Wettbewerb mit tradionellen russischen Pelmeni um die Gunst der Kundschaft heischen. Auch haben wir in Krasnojarsk eine Sushi- und Cocktailbar mit mit High-End Interior und DJs besucht, die so manchen hippen Laden in Hamburg oder Berlin ziemlich alt aussehen lassen würde. Als es allerdings ans Bestellen ging, wurde uns sehr freundlich aber mit wenig schlechtem Gewissen mitgeteilt, dass von den auf der Karte angepriesenen ca. 35 Cocktails mangels Zutaten nur ca. 5 Longdrinks erhältlich wären. Trotzdem war der Laden voll besetzt und die Leute haben für einen Cocktail mal locker das 1,5fache des einem russischen Rentner zur Verfügung stehenden Tagessatzes ausgegeben.Neben teilweise sehr überraschenden Inseln westlichen Lebensstils, gibt es aber auch immer wieder Erlebnisse, die noch sehr stark an das alte Sowjetsystem erinnern. Wie schon in dem Blog über erwähnt, führt hier beispielsweise der Berufsstand der Putzfrau ein befremdliches Eigenleben. So wurden wir auch im Krasnojarsker Hafen von unseren Warteplätzen gejagt, weil die Putzfrau ganz dringend den gesamten Anleger mit einem Gartenschlauch abspritzen musste. Dies bei einem Fährhafen, in dem schon der Warteraum ganztägig für die Reisenden gesperrt wurde, indem ihm mittels einer mir Kreide hingworfenen handschriftlichen Information an der Tür beschieden wird, dass er ja nicht auf die Idee kommen solle, an der dafür vorgesehen Kasse nach Fahrkarten zu fragen. Diese gäbe es nur auf den jeweiligen Schiffen. Trotz eines ebenfalls mit Kreide angeschriebenen Fahrplans für ein von uns ins Auge gefasstes Ausflugschiffs wurde uns allerdings von der spritzenden Putzfrau etwa 10 Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit mitgeteilt, dass dieses Schiff erst ankommen wird, wenn mindestens 30 Personen an Bord gehen würden. Wenn diese in einer Stunde eingetroffen wären, würde auch unser Boot fahren. Wir könnten ja auf dem frisch abgespritzten Anleger warten.Wie deutlich wird, ist der Westen ist in Sibirien erst mit einigen Vorboten vertreten, die aber zunehmend Kraft gewinnen. In 10 Jahren wird sicher vieles sich an den westlichen Lebensstil angepasst haben. Auch wenn es um manche kulturelle Eigenart schade sein wird, sicher eine Entwicklung, die die Einheimischen wie die wenigen ausländischen Besuchern begrüssen werden, da sie Ineffizienzen reduzieren und den Service erhöhen wird.



Im Zug nach Tomsk, 03. August 2006

Platzkartnoy Universität

Nachdem wir bislang für russische Verhältnisse eher luxuriös in der ersten und zweiten Klasse durchs Land gereist sind, haben wir für den Rest unserer russischen Bahnreise aus Kostengründen und Neugierde mehrheitlich in der dritten Klasse, im sogenannten "Platzkartnoy" reserviert. Hier gibt es im Gegensatz zu der zweiten Klasse (Coupé) keine abgeschlossenen Abteile, vielmehr handelt es sich um einen offenen "Grossraumliegewagen" mit 52 Liegen.

Nachdem wir unsere Plätze gefunden hatten, wurden wir schon innerhalb weniger Minuten von den "nächstliegenden" Mitreisenden angesprochen, wohin unsere Reise den gehen sollte und was wir denn hier machen würden. Geduldig lauschte man unseren nicht sehr stilsischeren russischsprachigen Ausführungen. Nach nur kurzer Zeit waren wir allerdings selbst erstaunt, wieviel wir schon sagen können und vor allem, wieviel wir verstanden, mehr als wir uns in den ersten zwei Wochen an der Moskauer Lomonossow-Universität hätten vorstellen können. Allerdings stehen alle folgenden Schilderungen unter dem Vorbehalt, dass das eine oder andere vielleicht nicht zu 100% von uns verstanden wurde.

Unsere Gesprächspartner waren eine etwas rundliche, blondierte Mittfünfzigerin, die als Kinderchirugin in einem kleineren Ort in der Nähe unseres Ziels Tomsk arbeitet. Weiterhin reist mit uns ein Mittdreiβiger mit seinen zwei Töchtern aus einem 60 km von Moskau entfernten Ort sowie eine ca. fünfzigjährige Frau aus Jekaterinenburg im Ural, welches wie wir lernten zu Sowjetzeiten Swerdlowsk hieβ und von ihr nach wie vor so genannt wird.

Die gesamte Runde bestaunte unsere Reisepläne und freute sich, ein wenig von sich zu erzählen. Man war sich einig, dass das Leben im heutigen Russland nicht so einfach ist. Die Kinderchirugin klagte, dass für ihren gewiss nicht einfachen Job monatlich nur 7.000 Rubel (etwas mehr als 200 €) erhält. Das Unglück wäre mit der Perestroika gekommen. Vorher hätte sie immer gut in der zweiten Klasse Bahn fahren können und nicht wie jetzt in dritten. Ausserdem hätte sie sich jetzt mal ihre Pension ausrechnen lassen und da wurde ihr eröffnet, dass ihre gesamte Ausbildungszeit nicht angerechnet wird. Wir wissen nicht, ob dies auch auf diese Frau zutrifft, wir haben jedoch von anderen Russen gehört, dass ohne Extrazahlungen an das medizinische Personal überhaupt keine Chance auf eine angemessene Behandlung besteht, obwohl die medizinische Versorgung in Russland offiziell kostenfrei ist. Bei den Ärztegehältern wundert uns das allerdings nicht. Die Problematik erschien uns jedoch nicht allzu fremd, denn was in Russland die Direktzahlung an den Arzt ist, ist in Deutschland die private Krankenversicherung.

Der Mann aus der Nähe von Moskau wusste zu berichten, dass auf den Moskauer Baustellen kaum noch Russen arbeiten, weil sie für die geringen Löhne keinen Finger rühren würden. Stattdessen würden dort nur Kasachen und Bauarbeiter aus den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken arbeiten. Irgendwie kam uns auch dieses Problem bekannt vor. Der Mann erzählte, dass er einen landwirtschaftlichen Betrieb führt und klagte, dass nach den offiziellen Regeln jeder Betrieb zwangsläufig pleite gehen müsste. In den ersten drei Jahren beträgt der Unternehmenssteuersatz 50% danach sogar 75%. Auch die Steuerprobleme kamen uns irgendwie bekannt vor, wenn auch nicht in diesem Ausmaβ.

Schlieβlich wurden wir von der dritten Frau darüber aufgeklärt, dass die von Putin ausgerufenen 8.000 US$ für das zweite Kind eher als Fiktion zu verstehen sind. Das Geld bleibt beim Staat, bis das Kind 18 Jahre alt ist. Bis dahin gäbe es noch drei weitere russische Präsidenten und dann würde man von dem Geld eh nichts mehr sehen. Alle unsere Gesprächspartner wussten von leidvollen Erfahrungen mit der galoppierenden Geldentwertung in den 90er Jahren zu berichten, die ihre Ersparnisse vernichtet hatte. Nun schaltete sich eine weitere Frau in die Diskussion über den Sinn des Kinderkriegens ein, die auf einmal so hitzig wurde, dass leider unsere Russischkenntnisse versagten.



Tomsk, 04. August 2006

Liebe auf den zweiten Blick

Nachdem ich in meinem Blog über Omsk (siehe: "Wir lieben Omsk!) ungerechtfertigt auf einige aus meiner Sicht etwas merkwürdigen russische Eigenarten focussiert hatte, habe ich dies bei unserer Ankunft in Tomsk sofort bereut. Uns hatte Omsk wirklich gut gefallen, denn es ist eine angenehme Stadt. Tomsk hingegen hatte uns bei unserer Ankunft ziemlich enttäuscht, was allerdings vor allem an den nicht mehr aktuellen Informationen in unserem in diesem Jahr erschienen Lonely Planet Reiseführer "Russia & Belarus" lag (siehe hierzu auch unsere ausführliche Rezension). Auch hat der Autor nach unserem Geschmack eine etwas merkwürdige Auffassung über interessante Architektur in Bezug auf die in Tomsk zu besichtigenden tradionellen aber leider nach über 100 Jahren total vergammelten sibirischen Holzhäuser.

Wir waren früh morgens angekommen und hatten nach unserer Übernachtfahrt ein sehr zweckmässiges und sauberes Zimmer in dem in jedem grösseren russischen Bahnhof vorhandenen einfachen Hostel (sogenannte Zimmer der Erholung) bezogen. Als nächstes wollten wir der "sibirischen Antwort auf Starbucks" (Lonely Planet) etwas zum Frühstück fassen. Leider erwiesen sich die laut Reiseführerkarte ca. 600 m dorthin eher als 2 km, die uns auch noch entlang einer befahrenen Hauptverkehrstrasse durch Tomsk schönste Plattenbauten führten inklusive einem originalen ausser Dienst gestellten Iljuschin Flugzeug . Endlich angekommen mussten wir feststellen, dass das Cafè offenbar seit Jahren nicht mehr existierte.

Nach dieser Enttäuschung gings dann an einigen Exemplaren der schon erwähnten historischen sibirischen Holzhäusern vorbei in Richtung Stadtzentrum, dessen Hauptattraktion aus zwei Springbrunnen und den dazu gehörigen Plätzen besteht. An einem dieser Plätze steht als architektonisches Highlight ein 70er Jahre Betonklotz aus der Breshnew-Ära, in dem die Regionalverwaltung untergebracht ist. Ich muss gestehen, dass ich ein Faible für gut gemachte sozialistische Architektur der 70er habe und auch den Berliner Palast der Republik lieber konserviert als abgerissen gesehen hätte. Insofern fand ich es auf den Bänken an diesem Platz bei Sonnenschein auch ganz angenehm zu sitzen und den dort in grosser Menge vorbeischlendernden Brautpaaren zuzuschauen und zusätzlich den Ausblick auf den die Stadt durchfliessenden Fluss Tom zu geniessen.

Von den restlichen Attraktionen der Stadt (z.B. einem wieder aufgebauten historischen Stadttor, einem inzwischen leider geschlossenen KGB Museum, einer Lenin-Statue) erscheint mir einzig die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Universität mit ihren imposanten Gebäuden inmitten eines weitläufigen Parks erwähnenswert. Diese Universität geniesst den Ruf, nach der Moskauer Lomossow-Universität die zweitbeste des Landes zu sein und lockt die Studenten mit deutlich niedrigeren Studiengebühren als in Moskau, wo ein Semester an der Lomonossow-Universität ca. 7.000 US$ kostet.

Am Abend konnten wir bei warmen Wetter dann am zweiten Springbrunnen der Stadt und den dazugehörigen Platz dem Balzverhalten der lokalen Jugendlichen zuschauen. Bier trinken auf öffentlichen Plätzen wird hier von Menschen jeden Alters, sozialer Stellung und beiderlei Geschlechts mit grösster Euphorie beinah zu jeder Tageszeit praktiziert. Auch wir konnten uns an diesem sibirischen Sommerabend diesem Brauch nicht entziehen und Sabine war ein wenig unzufrieden mit mir, weil ich nicht bei jeder vorbeispazierenden hoffnungsvollen Nachwuchsmodel keusch den Blick gesenkt habe. Das ist aber auch geradezu unmöglich.

Heute haben wir dann noch einen wirklich guten und für die sibirische Provinz wirlich stylischen Plattenladen mit angeschlossener Cocktailbar entdeckt. Hier habe ich für unfassbare 70 Rubel (ca. 2 €) eine offiziell lizensierte (steht zumindest drauf) CD mit allen bislang erschienen Songs der von mir sehr geliebten russischen Rocksängerin Zemfira im mp3 Format erstanden. Zemfira hatte ich für mich vor ca. 5 Jahren während eines Urlaubs auf der ukrainischen Krimhalbinsel für mich entdeckt. Ausführliche Informationen zu diese ausgezeichneten russischen Musik findet Ihr im Bereich Musik auf dieser Website. In der zum Musikladen gehörenden Cocktailbar wurden auf einer Leinwand alte Stummfilme in schwarz-weiss gezeigt. Eine clevere Idee, die mir sehr gut gefallen hat.


Omsk, 02. August 2006

Wir lieben Omsk!

Das trifft zumindest auf die Omsker zu, denn sie haben diesen Spruch anlässlich ihres 290jährigen Gründungsjubiläums auf annähernd jede freie Fläche der Stadt geklebt. Auch uns hat es hier ziemlich gut gefallen. Absolutes Highlight war unser Hotel "Turist", in dem es neben einem tollen Ausblick auf die Stadt endlich wieder ein eigenes Badezimmer gab. Hinzu kamen zumindest einigermaβen Englisch sprechendes Personal und entgegen der Prophezeiung des Hotelnamens anstatt Touristen jede Menge "Businessmeny", wie das dem Englischen entlehnte russische Wort für Geschäftsleute lautet. Irgendwie hatte ich gleich wieder Lust auf Business, woraus ich gleich den Antrieb entwickelte, einen Artikel über unsere sibirische Flussfahrt für unseren Medienpartner Russland-Aktuell zu schreiben.

Leider erwies das Business Center des Hotels nicht als so verlässlich, wie ich es von einem "Best Eastern Hotel" (Eigenwerbung) erwartet hätte. Das Internet funktionierte einfach nicht, woran auch die beiden das ansonsten ausgestorbene Businesscenter bewachende stöckelschuhbewaffneten blonden Luder nichts ändern konnten. Immerhin nutzte ein "Rabotschy" (russisches Wort für einen körperlich arbeitenden Menschen) die Ruhe des Raums, um dort einen gigantisch groβen, kaum noch durch die Tür passenden Luftballon geräuschvoll mittels Kompressor aufzublasen und anschlieβend mit "290 Jahre Omsk - Wir lieben unsere Stadt." zu beschriften.

Insgesamt macht Omsk den Eindruck einer Stadt, in der man sehr gut leben kann. Das trifft allerdings wohl nur dann zu, wenn man in der Nähe des historischen Stadtkerns wohnt und arbeitet. Am Stadtrand dieser 1,1 Mio Einwohner zählenden sibirischen Metropole habe ich die bislang gröβte mir bekannte Ansammlung von Industriebetrieben inklusive rauchender Schlote gesehen, wohl eher nicht so das bevorzugte Wohngebiet.

Aufgefallen war mir schon an anderen Orten die ausgeprägte Liebe der Russen für Sportbekleidung. Omsk scheint um den Ruf als die Stadt mit der höchsten Dichte an Sportgeschäften zu kämpfen, um sozusagen die Hauptstadt der Sportausrüstung zu werden. Adidas, Puma, Nike - alle sind sie omnipräsent. Was den Marktanteil angeht, so hat adidas mit groβem Abstand das Rennen gemacht. Selbst auf den Dörfern laufen die unmöglichsten Gestalten in adidas Klamotten rum, so dass dem Markenverantwortlichen in Herzogenaurach bei ihrem Anblick sicher Bange werden würde. Wahrscheinlich mache ich mir aber ganz unbegründete Sorgen, denn vermutlich trägt die Hälfte der Leute ohnehin nur die Plagiate...

Abschlieβend sei noch unser Besuch in dem lokalen Kunstmuseum erwähnt. Hier haben wir einen Teil der sonst in der berühmten Waffenkammer des Moskauer Kremls ausgestellten Kunstschätze bewundern können. Wahrscheinlich waren es die, die nicht pünktlich zur Touristensaison zwecks Restaurierung aus der Ausstellung entfernt wurden. Es ist nämlich eine besondere Eigenart der Russen, dass sie mit Vorliebe in der Hauptsaison ihre Kunstschätze den Blicken neugieriger Besucher entziehen. So z.B. Im Moskauer Puschkin Museum geschehen, wo die wirklich sehenswerten Stücke (eine kleine und feine Sammlung expressionistischer Werke) kurzerhand in ein neues Gebäude umgezogen wurden und deshalb für über einen Monat nicht zu besichtigen waren.

Einem anderen hier sehr beliebten Trick, die hiesigen Sammlungen vor dem interessierten ausländischen Besuchern zu schützen, konnten wir mit Hilfe unseres Studentenausweises der Moskauer Lomonossow-Universität erfolgreich ein Schnippchen schlagen. Als "russische" Studenten haben wir 50 Rubel (ca. 1,80 €) anstatt der sonst für westliche Ausländer fälligen 250 Rubel (ca. 9 €) Eintritt gezahlt. Obwohl auch nach der russischen Verfassung alle Menschen gleich sind und die Diskriminierung von Ausländern ausdrücklich verboten ist, wird es hier als völlig normal angesehen, dass vermeintlich "reiche" Westler den im Vergleich zu Russen bis zu 7fachen Preis für den Eintritt in hiesige Sehenswürdigkeiten zahlen. Bis vor kurzem galt dies auch für inländische Zug- und Flugtickets, was inzwischen eben aufgrund des Widerspruchs mit der russischen Verfassung abgeschafft wurde. Dies hält manche russische Reiseagenturen aber nicht davon an, trotzdem einen "Ausländeraufschlag" zu verlangen. Also Lufthansa, Deutsche Bahn und defizitäre deutsche Kulturinstitutionen, wie wärs denn mal mit Russen-Preisen?

Verabschiedet wurden wir auf dem Omsker Bahnhof von dem besonders eifrigen lokalen Putzfrauenkollektiv. Um den Reisenden das Warten auf den Zug etwas zu verkürzen, war für nachmittags um 15 Uhr das Komplettwischen des Wartesaals angesetzt. Dazu durften sich alle Wartenden von ihren Plätzen erheben und samt Gepäck den Warteraum verlassen. Nachdem einmal durchgewischt wurde, durfte man wieder rein und es sich wieder bequem machen. So wird Warten auf den Zug nie langweilig. Trotzdem waren wir froh, als er endlich ankam.

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