Olafs Blog - Moskau, 02. Juli 2006
Sommer bei Oma
Sommer bei Oma
"Wie alt schaetzt Du sie denn?", fragte mich Sabine als ich meine ziemlich radebrechend russische Telefonkonversation mit Svetlana beendet hatte. Ich antwortete: "Mitte/Ende 20 bis vielleicht Mitte 30". Dabei dachte ich insgeheim an ein richtig heisses russisches Geraet, von denen ich am Flughafen und in der Metro auf dem Weg in die Stadt schon einige gesehen hatte. Wir warteten also an der Metrostation
auf den angekuendigten Skoda und auf Svetlana. Sabine hatte noch die glorreiche Idee, bei einer russischen Blumenverkaeuferin noch einen Willkommensgruss zu erwerben. Sie erstand dann auch fuenf halb vertrocknete Bauernrosen zum Preis eines halben russischen Blumenverkaeuferinnenmonatseinkommens. Noch ein, Grund, die Russischkenntnisse schnell aufzupolieren.
Noch den Gedanken an russischen Blumenpreisen nachhaengend, lief eine aeltere ca. 60 Jahre alte Dame auf uns zu und fragte: "Seid ihr Sabine und Olaf?". Das war also Svetlana. Nun ja, Telefonstimmen richtig einschaetzen war noch nie meine Staerke gewesen. Nachdem Svetlana uns zusammen mit ihrer Tochter ca. 40jaehrigen Tochter Victoria (auch kein Geraet im engeren Sinne...) und unserem Gepaeck in den Skoda verpackt hatte, ging es auf den schnellsten
Weg zu ihrer 2-Raum-Wohnung in einer Plattenbausiedlung kommunistischer Praegung. In der Wohnung selbst hat die neue Zeit sehr zu unserer Beruhigung bereits deutliche Spuren hinterlassen. Ich schaetze mal, dass so mancher Seniorenhaushalt in Neukoelln Schwierigkeiten haette, aehnlichen Komfort zu bieten. Hier trafen wir dann auch noch die Enkelin und den Hund. Alle zusammen eroeffneten uns nun, dass sie nur noch auf uns gewartet haetten und dass sie jetzt gleich zu der 80 km entfernten Datsche im Gruenen aufbrechen wuerden. Sabine bekam von Svetlana noch einen Schnellkurs in Blumengiessen und Kuechenbedienung. Schon waren sie weg und wir auf 50 qm allein. Okay, das wars also erstmal mit dem Kontakt zu den netten russischen Einheimischen.
Um die Enttaeuschung ueber den unverhofften Housesitter-Job bei uns nicht zu gross werden zu lassen, hatte Svetlana uns noch Kinokarten fuer das internationale Moskauer Filmfestival (der russischen Berlinale) vermacht. Auf dem Programm sollte "Klimt" stehen. Am Tag 2 unserer Weltreise ging es dann also nach einem ausgiebigen Erholungsschlaf von den letzten ziemlich stressigen Vorbereitungen in Deutschland auf ins Moskauer Premierenkino "Oktober" auf der in schoensten kommunistischen Graubetonstil gehaltenen Einkaufsstrasse "Novoi Arbat". Von aussen machte das "Oktober" schon mal maechtig was her: Lenin in vollstem revolutionaerem Eifer in roten Granit gemeisselt plus rote Teppiche fuers Premierenpublikum. Von innen bekamen wir dann einen ausverkauften riesigen mit jeder Menge tiefroten Pluesch modernisierten Kinosaal auf 100% Westniveau zu sehen. Interessant waren die Eroeffnungsreden des chilenischen Regisseurs und des oesterreichischen Produzenten im Dreiklang mit der jeweiligen russischen und englischen Uebersetzung durch die heissen Geraete in langen Abendkleidern. Als polyglotter Globetrotter habe ich von allem ein wenig verstanden und konnte mich des Gefuehls,nich erwaeren, dass die Uebersetzungen etwas von stiller Post hatten. Auch die folgende Vorstellung hat mich dahingehend positiv ueberrascht, dass der Film im Original (englisch) mit rujssischen Untertiteln gezeigt wurde. Erwartet hatte ich die vor einigen Jahren noch uebliche Synchronisation aller Schauspieler durch eine an das russische Militaer erinnernde monotone Maennerstimme. Also auch hier alles im westlichen Bereich.
Sabines Blog - Moskau, 06. Juli 2006
Fce normalno (Alles normal)
Eigentlich dachte ich, dass wir es in Moskau jeden Tag schaffen in unseren Blog zu schreiben, aber irgendwie vergeht hier die Zeit viel schneller als zu Hause, ausserdem haben wir auch noch einige Sachen vor Ort zu erledigen.
Das erste Projekt ist die Registrierung hier in Moskau. Bisher hatte ich nur gedacht, dass es schwierig ist, fuer Russland ein Visum zu bekommen. Nun haben wir festgestellt, dass der Stress hier weitergeht. Wenn man sich laenger als 3 Tage an einem Ort aufhaelt muss man sich registrien lassen. So sind wir Montagmorgen zur angegebenen Adresse gefahren. Dort wurden wir aber belehrt, dass wir ein von unserem Gastgeber ausgefuelltes Formular benoetigen, welches ebenfalls von der Hausverwaltung abgestempelt werden muss. Da unsere Babuschka aber zur Zeit auf der Datsche ist, war dieses Problem gar nicht so einfach zu loesen. Um es kurz zu machen, die Babuschka ist heute angereist und hat sich darum gekuemmert - als Olaf sie angerufen hat, um das mit ihr zu besprechen meinte sie nur:"Fce normalno". Morgen starten wir dann mal den zweiten Versuch mit der Registrierung.
Das zweite Projekt ist den weiteren Verlauf unserer Reise zu organisieren . In Deutschland hatten wir ja nur die Fluege nach Moskau gebucht, alles weitere muessen wir jetzt vor Ort erledigen. Die Hauptschwierigkeit besteht darin herauszufinden, wann die Flussschiffe, von denen pro Jahr nur ca. 10 fahren, von Salechard nach Omsk losfahren. In jedem Reisebuero, in dem wir bisher danach gefragt haeben erhielten wir als Antwort nur Achselzucken. Allerdings scheinen hier die Angestellten eher nach Aussehen ausgesucht zu werden - ich sage nur "heisse Geraete". Davon sieht man hier uebrigens ausreichend. Je weniger Kleidung, desto besser, scheint hier bei den sommerlichen Temperaturen die Devise zu sein. Ausserdem muss der Absatz mindestens 7 Zentimeter hoch sein. Ich persoenlich falle hier eher wegen meiner gegenteiligen Kleiderordnung auf - mit Outdoorbekleidung laeuft hier niemand ausser mir rum. Vielleicht haette ich doch noch einen zusaetzlichen Koffer mitnehmen sollen.
Eigentlich dachte ich, dass wir es in Moskau jeden Tag schaffen in unseren Blog zu schreiben, aber irgendwie vergeht hier die Zeit viel schneller als zu Hause, ausserdem haben wir auch noch einige Sachen vor Ort zu erledigen.
Das erste Projekt ist die Registrierung hier in Moskau. Bisher hatte ich nur gedacht, dass es schwierig ist, fuer Russland ein Visum zu bekommen. Nun haben wir festgestellt, dass der Stress hier weitergeht. Wenn man sich laenger als 3 Tage an einem Ort aufhaelt muss man sich registrien lassen. So sind wir Montagmorgen zur angegebenen Adresse gefahren. Dort wurden wir aber belehrt, dass wir ein von unserem Gastgeber ausgefuelltes Formular benoetigen, welches ebenfalls von der Hausverwaltung abgestempelt werden muss. Da unsere Babuschka aber zur Zeit auf der Datsche ist, war dieses Problem gar nicht so einfach zu loesen. Um es kurz zu machen, die Babuschka ist heute angereist und hat sich darum gekuemmert - als Olaf sie angerufen hat, um das mit ihr zu besprechen meinte sie nur:"Fce normalno". Morgen starten wir dann mal den zweiten Versuch mit der Registrierung.
Das zweite Projekt ist den weiteren Verlauf unserer Reise zu organisieren . In Deutschland hatten wir ja nur die Fluege nach Moskau gebucht, alles weitere muessen wir jetzt vor Ort erledigen. Die Hauptschwierigkeit besteht darin herauszufinden, wann die Flussschiffe, von denen pro Jahr nur ca. 10 fahren, von Salechard nach Omsk losfahren. In jedem Reisebuero, in dem wir bisher danach gefragt haeben erhielten wir als Antwort nur Achselzucken. Allerdings scheinen hier die Angestellten eher nach Aussehen ausgesucht zu werden - ich sage nur "heisse Geraete". Davon sieht man hier uebrigens ausreichend. Je weniger Kleidung, desto besser, scheint hier bei den sommerlichen Temperaturen die Devise zu sein. Ausserdem muss der Absatz mindestens 7 Zentimeter hoch sein. Ich persoenlich falle hier eher wegen meiner gegenteiligen Kleiderordnung auf - mit Outdoorbekleidung laeuft hier niemand ausser mir rum. Vielleicht haette ich doch noch einen zusaetzlichen Koffer mitnehmen sollen.
Uebrigens hatte ich heute morgen meine erste warme Dusche hier in Moskau. Es ist hier normal, dass im Sommer fuer einige Zeit dass heisse Wasser abgestellt wird. (Soetwas gab es auch zu DDR-Zeiten, wenn ich mich recht erinnere.) Aber unsere Babuschka hatte hierfuer eine gute Loesung: Zuerst macht man Wasser auf dem Herd warm und kippt es in einen grossen Eimer, dazu kommt dann kaltes Wasser, bis man eine angenehme Temperatur hat, dieses kippt man sich dann mit einer Art Schoepfkelle ueber den Koerper. Kompliziert wird es erst, wenn man sich mit dieser Methode gleichzeitig die Haare waescht und einem der Seifenschaum in die Augen laeuft und man dann, weil man nichts mehr sieht, versucht mit der Schoepfkelle den Eimer zu finden - das hat mich irgendwie an ein Spiel erinnert, das wir frueher auf Kindergeburtstagen gespielt haben.
Soviel erstmal fuer heute. Demnaecht dann mehr ueber unseren Russischunterricht, den wir ja schon seit Montag besuchen, und natuerlich der Bericht aus den Deutschen Haus.
Olafs Blog - Moskau, 06. Juli 2006
Futbolnoi Match
"Eigentlich wollte ich die Tage hier enspannt in der Sonne auf einer Wiese im Gorki-Park verbringen. Statt dessen schifft das hier.", sagte ich zu Sabine. "Keine Sorge, das kommt schon. Letze Woche war es richtig heiss.", hoerte ich eine kraeftige Maennerstimme von links. Die Stimme gehoerte Udo aus Hannover, der gerade mit einem Fenster unterm Arm in die Metrostation Arbatskaja draengte. Das Fenster unter Udos Arm veranlasste mich dann auch, mich danach zu erkundigen, was er denn hier in Moskau so treibt. "Ach, in Deutschland ist doch nichts los, hier dagegen gibt’s jede Menge zu tun. Letztes Jahr hatten wir 8 Prozent Wirtschaftswachstum." Handwerk hat goldenen Boden, offensichtlich auch in Moskau.
Nachdem wir das geklaert hatten, wendeten wir direkt der wichstigsten aktuellen Frage fuer einen Deutschen in Moskau zu: Wo schaut man am besten das WM Halbfinale Deutschland gegen Italien? Udo erzaehlte, dass sich viele Deutsche im deutsch-russischen Haus treffen wuerden. Also haben wir uns fuer doert verbredet.
Wir trafen uns an der Metro-Station Kulturnoi Park, wo dann noch Steffen aus Erfurt zu uns stiess. Der hatte einen erfolgreichen Tag hinter sich, da er gerade den Auftrag fuer einen Hausausbau bekommen hat: "100% Vorkasse. Nicht so wie in Deutschland, wo man seinem Geld hinterherlaufen muss." Im deutsch-russischen Haus waren wir die ersten, aber das Bier war schon kalt gestellt. Das Spiel wurde auf einer Videoleinwand uebertragen, original deutsches Fernsehen mit Johannes B. Kerner, der uns die Freude daran auch nicht verderben konnte. Insgesamt sind ca. 50 von geschaetzten 5000 in Moskau lebenden Deutschen hierher gekommen. Jede Menge Deutschlandfahnen waren auch am Start. Nicht ganz die Stimmung vom Heiligengeistfeld in Hamburg, aber immerhin. Das Ergebnis des Spiels kennt jeder. BILD hat ja auch mit uns geweint. Damit ist alles gesagt. Deutschland ist raus, unsere Weltreise geht weiter.
Sabines Blog - Moskau, 08. Juli 2006
METROpole
Jetzt sind wir schon eine Woche hier. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir immer noch das Gefuehl, dass hier in Moskau die Zeit viel schneller als in Hamburg vergeht. Ein Grund dafuer ist die Groesse der Stadt und die daraus resultierenden weiten Wege. Die haben wir bis jetzt entweder zu Fuss zurueckgelegt oder mit der METRO. Die Moskauer METRO ist wirklich beeindruckend. Unser erster Gedanke, als wir letzte Woche mit unseren Rucksaecken sie erstmals benutzt haben, war: heiss und voll. Es ist unglaublich, wie viele Menschen hier taeglich transportiert werden. Waehrend in Hamburg die Taktung der Zuege meist 10 Minuten betraegt, faehrt hier meistens alle zwei Minuten eine Bahn, zu Stosszeiten jede Minute. Trotzdem sind die Zuege immer voll. An den Umsteigebahnhoefen laufen die Menschen wie Armeisen in den vorgegebenen Tunneln, die oft nur in einer Richtung benutzt werden duerfen. Dazu kommen noch die Rolltreppen, vor denen es sich oft staut und die so manchmal sehr lang sind, dass man fast dass andere Ende nicht sehen kann. Einige der Bahnhoefe sind kunstvoll ausgestaltet. Da ich mich aber bisher mehr darauf konzentriert habe, mich nicht zu verlaufen, habe ich das aber nur am Rande wahrgenommen. Wir wollen aber demnaecht eine kleine sight-seeingtour durch die Bahnhoefe machen.
Was wir allerdings durch das Benutzen der METRO ueberirdisch verpasst haben, haben wir gestern abend festgestellt. Wir haben eine fruehere Mandantin von mir getroffen, die zur Zeit fuer zwei Jahre mit ihrer Tochter in Moskau lebt und arbeitet. Zuerst waren wir sehr gut essen - lokale Kueche, die ich sehr gern mag. Danach hatte sie die grossartige Idee uns Moskau bei Nacht mit dem Auto zu zeigen, wenn alles erleuchtet ist. Wir sind sehr viele Prospekte langgefahren und natuerlich entlang der Moskwa. Highlight war ein Zwischenstopp auf dem Roten Platz, der in der Nacht angeleuchtet noch eindrucksvoller ist, als am Tag, weil man sich noch viel kleiner vorkommt, und der kroenende Abschluss: der Blick ueber die naechtliche Stadt nahe der Universität. Waehrend unserer Tour haben wir so viele Anregungen bekommen, was man sich in Moskau noch so ansehen sollte, dass ich fast fuerchte, dass die verbleibende Zeit gar nicht ausreicht.
Olafs Blog - Moskau, 08. Juli 2006
Die Mutter des Lernens
"Sprechen Sie Russisch" steht auf unserem Lehrbuch, welches uns auch ohne Ausrufungszeichen im Titel taeglich im 7. Stockwerk der Lomonossow Universitaet mit echten Herausforderungen konfrontiert.
Ich komme mir vor wie in der 5. Klasse. Unsere Lehrerin will von mir wissen, wie man im Russischen sagt: "1,2 und viele Schwestern". Also los geht’s: "Odna sestra, dwe sestreu, mnogo sestrow". "Olaf, welches Geschlecht hat das Wort sestra (Schwester)??" hoere ich vollster Enttaeuschung von der anderen Seite des Pults. Okay, war also nicht richtig: "Weiblich." "Also wie heisst das dann richtig?" schlaegt es mir in ungeduldigen Russisch entgegen. Das weitere Raetselraten moechte ich an dieser Stelle lieber nicht wiedergeben. Wichtig erscheint mir jedoch der Leitspruch unserer Lehrerin Anna Andreewna "Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens". Um uns von der Wichtigkeit ihres Lei(d)spruchs zu ueberzeugen, laesst sie ihn uns auch regelmaessig auf Russisch aufsagen.
Wir, das sind in taeglich wechselnder Zusammensetzung: Linda, Gabriel, Peter, Maja, Leif und Renata, Sabine und ich. Taeglich wechselnde Zusammensetzung deshalb, weil abwechselnd jeder mal Ferien einlegt, wie es ihm gerade passt. So war Maja gerade in ihrer Heimat Israel und hat Renata mitgenommen. Maja ist mit einem Russen verheiratet, der selbst zehn Jahre lang in Israel war und jetzt zusammen mit seiner Frau und drei Kindern nach Moskau zurueckgekehrt ist. Renata ist Brasilianerin und lebt mit ihrem hollaendischen Freund zusammen in Moskau, weil dieser hier arbeitet. Peter ist Australier und hat in Moskau zwei Jahre bei einer Private Equity Firma gearbeitet. Jetzt ist er auf der Suche nach einem neuen Job. Leif kommt aus Schweden und unterrichtet dort Japanisch. Russisch ist die 23. Sprache, die er lernt. Linda ist ebenfalls Schwedin und Jurastudentin. Sie hat in der Schule Russisch gelernt, weil sie noerdlich des Polarkreises aufgewachsen ist, und ihr Ort regelmaessig einen Schueleraustausch zu dem nahe gelegenen russischen Murmansk organisiert hat.
Jetzt sitzen wir hier alle zusammen und versuchen die jeweils richtigen Endungen der sechs Faelle der russischen Sprache zu erraten. Die Universitaet ist im besten Stalinschen Stil von 1949-1953 erbaut worden und seitdem in allen wesentlichen Dingen wohl nicht mehr veraendert worden. Es ist ein riesiger Hochhaus bau, in dem sich nicht nur die Hoersaele sonders gleichzeitig das Studentenwohnheim und die Mensa befindet.
"Olaf: 1,2, viele Schwestern bitte??" Da bin ich wohl mal wieder vom Thema abgekommen. Wie war das nochmal: Wiederholung ist die Mutter des Lernens...
Sabines Blog - Moskau, 10. Juli 2006
Wie kommen wir zum Russischunterricht?
"Es ist wieder Montag." Heute im Russischunterricht ging ploetzlich die Tuer auf und es standen zwei neue Studenten in der unserem Klassenraum - Rolf aus der Schweiz und John aus England. Sie mussten sich kurz auf russisch vorstellen, bevor wir ihnen Fragen stellen sollten. Dabei fiel mir wieder ein, dass wir beide letzte Woche genauso in die Klasse gekommen waren. Aber ich will von vorn beginnen:
Die Planung einer Weltreise ein laufender Prozess. Die Idee unsere Reise in Russland mit der Fahrt mit der Transsibierischen Eisenbahn zu beginnen hatten wir ziemlich frueh. Eines Tages meinte Olaf zu mir: "Was haeltst Du davon, wenn wir zuerst einen Sprachkurs machen? Ich habe eine Internetseite gefunden, die bieten guenstigen Unterricht in Perm an."
RUSSISCHUNTERRICHT? Sieben Jahre lang habe ich mit dieser komplizierten Sprache in der Schule abgequaelt. Nachdem ich zu Zeiten der UdSSR mit 11 Jahrenl fuer 3 Wochen in Riga war, wollte ich nie wieder in dieses Land fahren, in dem ich das Gefuehl hatte, dass es den Menschen viel schlechter ging, als in der DDR, und habe somit auch meine Bemuehungen um diese Sprache heruntergefahren. Meinen Vorsatz, dort nicht wieder hinzufahren habe ich bereits mit 16 wieder aufgegeben, als ich von meiner Schule aus zum Kulturaustausch nach Sankt Petersburg gefahren bin. Damals war ich mit 100 DM in der Tasche eine reiche Frau und bis zur Abfahrt hatte ich es geschafft, fast alle meine Sachen, die ich dabei hatte, zu verschenken.
Gegen Russischunterricht war nichts einzuwenden. Schnell ließ ich mich ueberzeugen, dass diese Kenntnisse hilfreich fuer unsere weitere Reise durch Russland sein werden. (Dagegen habe ich es abgelehnt, chinesisch zu lernen.)
Aber in PERM? Ein Blick in den Reisefuehrer sagte mir, dass das die Stadt ist, in der Tschechows "Drei Schwestern" wohnten, die immer von dort weg nach Moskau wollten. Nach einiger Suche haben wir Webseite www gefunden. Im Vergleich war es hierueber am guenstigen zu buchen, wenn man waehrend des Sprachkurses bei einer Gastfamilie wohnen wollte, und nicht direkt in der MGU. Die Abwicklung vorher per mail war in Ordnung. Wir waren aber doch etwas ueber die chaotische Organisation vor Ort erstaunt.
"Wir warten auf Euch am Montag um 12.00 Uhr in unseren Buero." hieß in der mail. Tatsaechlich warteten aber mindestens 15 Studenten vor dem Buero und nochmal soviele in dem Buero, dass zur Haelfte aus drei Schreibtischen bestand, die wohl zum language departement gehoerten. Was die Frauen machten, die hinter den anderen Schreibtischen saßen, haben wir nicht rausbekommen. Um herauszufinden, wie der weitere Vorgang ist, bin ich erstmal in den Raum gegangen. "Setzen Sie sich bitte", meinte ein Mann zu mir und zeigte auf einen Stuhl. Als Olaf, der noch draussen gewartet hatte, einige Zeit spaeter reinkam und laut fragte, wer denn hier fuer die Kurse zustaendig sei, wurde ihm ebenfalls sofort ein Platz angeboten, allerdings direkt bei einer Mitarbeiterin und er war dran. Also so lief das System, wer am meisten Stress macht, wird als erstes abgefertigt - interessant. Trotzdem dauerte es aufgrund zahlreicher Unterbrechnungen durch das Telefon, anderer Studenten und den Mann, der mir den Platz angeboten hatte und von dem wir auch nicht rausfinden konnten, was seine eigentliche Aufgabe ist, noch ca. eine Stunde, bis wir auf dem Weg zu unserem Unterricht waren. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir aber auch noch keinen Studentenausweis, und das Problem mit der Registrierung war auch noch nicht geloest. Allerdings hatte auch noch keiner Geld von uns verlangt. So standen wir ploetzlich waehrend des Unterrichts in diesem Raum, mussten uns auf russisch vorstellen und unsere verdutzten Mitstudenten sollten uns Fragen stellen. "Es ist wieder Montag, da ist es immer etwas chaotisch", meinte unsere Russischlehrerin nur.
Sabines Blog, 14. Juli 2006
Studenten an der MGU
Heute vor zwei Wochen sind haben wir Hamburg verlassen. Ich muss allerdings feststellen, dass die letzten zwei Wochen nicht besonders erholsam, dafuer aber sehr vielseitg waren, waren. Meistens sind wir um sieben aufgestanden und haben vor dem Unterricht noch einige Sachen erledigt, so haben wir gestern z.B. Zugtickets gebucht, die Beschreibung dieses Vorgangs erfordert jedoch einen eigenen Blog, und heute war ich bei der Registrierung um unsere Paesse abzuholen und ein Schreiben zu bekommen, dass uns bestaetigt, dass wir nach Moskau in keiner Stadt laenger als 3 Tage bleiben. Das hat ueber eine Stunde gedauert, mit Fahrzeit ca. 3 Stunden, so dass Olaf der zwischenzeitlich internationale Studentenausweise besorgt hat, sich schon Sorgen gemacht hat, wo ich bleibe.
Gleichzeitig hatten wir unseren letzten Russischunterricht, eine durchaus interessante Erfahrung, da wir dadurch gleichzeitig, wenn auch nur fuer eine kurze Zeit, dadurch Studenten der Lomonossow-Universitaet, oder kurz MGU, geworden sind. Die MGU ist die groesste der sieben Schwestern, wie die gigantischen Stalinbauen auch liebevoll genannt werden. Man kann diese von vielen Plaetzen in Moskau aus sehen und wenn man davor steht, dann kommt man sich sehr klein vor, weil dieser Bau so riesig ist. Als Tourist darf man sie allerdings nicht betreten, der Wachdienst davor sorgt dafuer, dass nur richtigen Leute reinkommen. Schluessel hierfuer ist der Studentenausweis, den wir ebenfalls erhalten haben.
Allerdings war ich schon erstaunt, ueber das Aussehen im Inneren, statt eines riesigen Atriums, dass ich bei einem solchen Bau eigentlich erwartet hatte, gibt es nur verhaeltnismaessig flache Gaenge, die im Sommer unbeleuchtet eher dunkel und erdrueckend wirken, fast als sollte einem gesagt werden "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Der Unterricht hat trotzdem viel Spass gemacht, er war zwar etwas chaotisch, da er jeden Tag in abwechslender Besetzung stattgefunden hat und wir je nach Vorhandensein unterschiedliche Lehrbuecher verwendet haben. Am interessantesten fand ich es, wenn wir in kleiner Gruppe die Zeitung gelesen haben und so ueber aktuelle Themen in Moskau diskutiert haben, z.B. ueber den Tieger der im Zirkus den Domteur angefallen hat oder das Dorf was eingemeindet wurde und jetzt Buerobauten weichen soll. So haben wir auch den Unterschied in den Zuegen zwischen erster, zweiter und dritter Klasse kennengelernt. Letztere beiden werden wir ja demnaechst live testen, denn am 19. Juli verlassen wir Moskau mit dem Zug in Richtung Salechard - zur Eingewoehnung noch in der 2. Klasse. Die Fahrt dauert 48 Stunden, genug Zeit um die neu erworbenden Russischkenntnisse auszuprobieren.
Olafs Blog - Moskau, 18. Juli 2006
Vorfreude auf die russische Eisenbahn
Nachdem wir letzte Woche unsere weitere Russlandroute geplant hatten, gings ans Kaufen der Fahrkarten. Endlich hatten wir Gelegenheit, unsere Russischkenntnisse so richtig zur Anwendung zu bringen. Nachdem wir bereits mitbekommen hatten, dass die Wartezeiten am Ticketschalter auf dem Campus der Uni ganz erheblich sind, haben wir die Gelegenheit ergriffen und sind direkt als erste zur Öffnung des Büros um 10 Uhr erschienen. Zu unserer nicht wirklich grossen Überraschung war natürlich zu dieser Zeit noch niemand anzutreffen, der Fahrkarten verkaufen würde.
Stattdessen liefen wir den an diesem Tag besonders martialisch ausgestatteten Eingangskontrolleuren am Unigelände in die Arme. Diese wollten uns trotz Studentenausweis erst gar nicht reinlassen, da an diesem Tag Prüfungen geschrieben wurden. Warum man dafür allerdings Wachmänner mit kugelsicheren Westen benötigt, war uns nicht so ganz klar. Mogeln bei der Prüfung scheint in Moskau ungemütliche Folgen haben zu können.
Nachdem gegen 20 nach 10 endlich jemand am Fahrkartenschalter erschien, wurden wir vorgelassen und waren tatsächlich die ersten. Der Mensch hinter dem Schalter gab sich dann auch richtig Mühe, unser Russisch zu verstehen und erklärte uns die Unterschiede zwischen den einzelnen buchbaren Plätzen in den russischen Zügen. Da die erste Klasse (2er Abteile) aus Kostengründen für uns eher nicht so in Frage kam, konzentrierten wir unsere Bemühungen auf die zweite (Coupè = 4er Abteil) und die dritte Klasse (Platzkartnoy = Großraumliegewagen). Den meisten Teil der Strecke werden wir in der dritten Klasse reisen. Dort ist es nach Auskunft des Menschen hinter dem Schalter wichtig, möglichst in der Mitte des Waggons einen Platz zu haben, denn dann laufen die Leute auf dem Weg zum Klo an den Enden des Wagens nicht ständig an einem vorbei. Nun, wir werden sehen, ob er uns tatsächlich gute Karten verkauft hat. Die ersten beiden Tage von Moskau nach Salekhard am westsibirischen Polarkreis werden wir allerdings erstmal zum eingewöhnen im Coupè verbringen.
Für den letzten russisches Territorium berührenden Teil unserer Strecke von Irkutsk am Baikalsee nach Ulan-Bator in der Mongolei konnten an dem Schalter an der Uni keine Fahrkarten erwerben sondern wurden zum internationalen Ticketschalter auf Belorussischen Bahnhof geschickt. Hier konnten wir erst richtig alle Kniffe des russischen Fahrkartenkaufs ausprobieren. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um die hohe Kunst des richtigen Schlangestehens. Insgesamt gab es ca. 10 verschiedene Schlangen. Wichtig ist es, mit möglichst vielen Familienmitgliedern aufzutauchen, damit man in jeder Schlange einen positionieren kann. Sollte die Familien nicht gross genug sein bzw. man kann Oma und Opa nicht auch noch zum Schlangestehen motivieren, dann gibt es einen einfachen Trick, wie man sich dennoch in allen Schlangen gleichzeitig anstellen kann. Man geht einfach, stellt sich ca. 30 Sekunden in die Schlange und sagt der Person hinter einem Bescheid, dass man gleich wiederkommt. So kann man dann zwischen alles Schlangen hin- und her wandern und schauen, wo man zuerst drankommt. Da ich das zunaechst nicht ganz begriffen hatte, habe ich mich glatt mit einer Frau vor mir angelegt, die sich nach meiner Auffassung reindraengeln wollte.
Sabines Blog - Moskau, 19. Juli 2006
Moskau 20 Tage - Ein Fazit
Als wir in Moskau angekommen sind, war ich wirklich erstaunt. Insgesamt war alles viel positiver und besser, als ich erwartet hatte. Alles ist mittlerweile sehr westlich, in den Strassen und in unserem Wohngebiet habe ich kaum wirklich arme Menschen gesehen. Von aussen betrachtet scheint es den Menschen gut zu gehen. Ausserdem habe ich mich in der ganzen Zeit nicht einmal unsicher gefuehlt, was ja gerade beim Reisen ein sehr wichtiger Faktor ist. Russischkenntnisse sind auf jeden Fall ein Vorteil, aber im Zweifel kann man sich auch mit Haenden und Fuessen ganz gut verstaendigen. Einiges hat mich voellig ueberrascht, insbesondere unser kleiner 24h Supermarkt (ich bin mal gespannt, wie lange es noch dauert, bis es soetwas in Deutschland gibt) mit sehr guten Sortiment oder wie viele Menschen auch am Sonntag gearbeitet haben. Alles in allem eine Stadt, in der man durchaus auch leben koennte.
Fuer den Moskaubesuch im Sommer benoetigt man die folgenden Ausruestungsgegenstaende:
- eine Sonnenbrille,
- einen Regenschirm, denn wir sind mehrfach vor aufziehenden Regenwolken "weggerannt",
- eine waermere Jacke, denn das Wetter und die Temperaturen wechseln schnell in Moskau. Was man komischerweise ueberhaupt nicht braucht ist Sonnencreme. Auch nach intensiver Sonnenbestrahlung, hat meine Haut sich hier nie rot gefaerbt, dafuer wird man aber auch nicht braun.
Am meisten fasziniert und gleichzeitig am nervigsten war das METRO-fahren. Zum Beispiel kommt man auf einen Bahnsteig, der uebervoll ist mit Menschen und denkt, da ist bestimmt die letzten 10 Minuten die METRO ausgefallen. Dann schaut man auf die Uhr, die die Sekunden und Minuten zaehlt, die seit der Abfahrt der letzen Bahn vergangen sind und stellt fest, dass gerade mal 50 Sekunden seit dem vergangen sind und ein paar Sekunden spaeter faehrt schon die naechste Bahn ein. Wir sind jeder ca. 60 Mal mit der METRO gefahren, jedes Mal mindestens 30 Minuten, eher 45 Minuten. Das heisst wir haben von unseren 20 Tagen in Moskau ueber 30 Stunden unter der Erde zugebracht.
Daneben fand ich sehr anstrengend, dass man fuer alles viel Zeit einplanen und teilweise lange, geduldig warten muss. Allein die Registrierung hat uns 4 halbe Tage gekostet, die Buchung von 4*2 Zugtickets einen ganzen Tag usw.
Ebenfalls anstrendend ist der Moskauer Verkehr. An unserem zweiten Abend haben wir einmal versucht, den Norvue Arbat zu ueberqueren und haben fast 5 Minuten auf der Mittellinie zugebracht, bevor wir uns getraut haben auf die andere Seite zu sprinten. Danach haben wir festgestellt, dass es Unterfuehrungen gibt. Die Ampeln werden von den Autofahrern in der Regeln akzeptiert, dagegen habe ich mich oft nach dem Sinn von den ausgewiesenen Fußgaengerueberwegen gefragt, außer das der Schilderproduzent vielleicht daran verdient, denn diese werden generell von den Autos mißachtet und stellen eher eine Unfallquelle dar, falls tatsaechlich sich mal ein Fußgaenger dahin verirren sollte.
Insgesamt hat mir Moskau gut gefallen, auch wenn eine Großstadt kein guter Ort fuer Erholung ist, war es auf jeden Fall ein gelungener Auftakt unserer Reise. Nebenbei konnten wir dabei auch unsere Weiterfahrt in Russland organisieren und unsere Russischkenntnisse auffrischen, obwohl ich auch noch ziemlich haeufig auf Mimik und Gestik zurueckgreifen muss. Auf jeden Fall wird das nicht unser letzter Besuch in Moskau gewesen sein.
Sabines Blog - Moskau, 17. Juli 2006
Moskau als Tourist
Wir hatten die Moeglichkeit Moskau aus verschiedenden Blickwinkeln kennenzulernen, als Einwohner in "eigener" Wohnung, mit morgentlichen Berufsverkehr in der Metro, Einkaufen im Supermarkt etc., als Studenten an der MGU, aber auch als Touristen, denn die vielen Sehenswürdigkeiten haben wir uns natuerlich nicht entgehen lassen. Gerade am letzten Wochenende haben wir uns noch viele Sachen angesehen.
Interessant ist, dass wir in der Metro kaum Touristen gesehen haben, im Gegenteil ich selber aufgrund meiner Kleidung (Zip-Hosen + T-Shirts, Blusen, die zwar praktisch schnelltrocknend sind, dafuer aber im eher unsexy aussehen, verglichen mit dem was die Moskauerinnen so tragen) eher aufgefallen bin. Sobald man aber zum Kreml kommt, trifft man auf Horden von Touristen, fast so, als wuerden sich alle dort versammeln. Die Plaetze haben aber auch eine magische Anziehungskraft. Wir waren allein auf dem Roten Platz bestimmt sieben Mal.
Ebenfalls von Vorteil fuer die Besichtigungen waren unsere russischen Studentenausweise. Da man als Auslaender fast ueberall noch einen deutlich höheren Eintrittspreis bezahlt, konnten wir mit einfachem Vorlegen der Ausweise einiges sparen.
Nachfolgend meine Empfehlung für Moskau:
- Abends am Alexandrevsky Sad ausspannen und einfach die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Im Gegensatz zum nahen Roten Platz sind hier viel mehr Russen unterwegs.
- Aussichtsplattform in der Naehe der Universität - hier hat man sowohl tagsüber, als auch nachts einen tollen Ausblick auf Moskau. Am interessantesten ist es am Freitag oder Samstag am frühen Nachmittag, dann verwandelt sich dieser Platz in einen beliebten Platz für Brautpaare und Hochzeitsgesellschaften, die hier Sektempfang und Fotos machen. Ich habe noch nie so viele Brautpaare gleichzeitig gesehen, mindestens 20, sowie mehrere Limosinen in verschiedenen Längen und Ausführungen.
- Roter Platz - einfach eindrucksvoll.
- Kreml, TOP 1 in jedem Reisführer. Leider haben wir nicht die Armory, das Highlight gesehen, da die Ticktes an unserem Besuchstag (also frühmorgens kommen!) schon ausgebucht waren. Ich finde das aber nicht so schlimm, denn es ist ein guter Grund, noch mal nach Moskau zu kommen. Dafuer haben wir in der Schlange einige Studenten von unserem Sprachkurs getroffen, mit denen wir einen netten Tag verbracht haben.
- Lenin, ohne Eintritt dafuer mit lange Anstehen, um ihn dann fuer 30 Sekunden zu sehen - trotzdem beeindruckend und ganz anders als ich erwartet hatte.
- Nachtfahrt durchs beleuchtete Moskau.
- Einkaufstrasse Twerskaja entlangbummeln, ebenfalls über den Arbat und Norwoy Arbat.
- Mindestens einmal METRO fahren.
Darueber hinaus gibt es natuerlich noch viele, viele andere Dinge, die wir gemacht haben und die sehr schoen waren. Irgendwie freue ich mich aber jetzt auch darauf, dass wir am Mittwoch (19.7.) abends in den Zug steigen und endlich mit dem "richtigen Reisen" anfangen.

