Nachdem sich unsere Gastgeberin in Moskau zunächst für zwei Wochen auf die Datsche verabschiedet hatte, war sie der letzten halben Woche bei uns und wir hatten Gelegenheit, einiges aus ihrem Leben zu erfahren.
Svetlana ist 65 Jahre alt und lebt allein in einer ca. 50 qm grossen 2-Raum-Wohnung im westlichen Teil Moskaus in der Nähe der U-Bahnstation Bagrationowskaja. Hier in der Nähe wurde
Napoleon ist nicht der einzige, über den Svetlana zu berichten weiß. Vielmehr hat sie als für Sowjet-Verhältnisse weit gereiste Frau zu vielen früheren und aktuellen Ereignissen eine stets mit Vehemenz vorgetragene Meinung. So ist Svetlana im allgemeinen sehr froh über die Veränderungen, die in Russland seit dem Ende des Kommunismus stattgefunden haben. Sie bedauert aber sehr, dass sie das Verhältnis Russlands zu vielen anderen Staaten insbesondere der ehemaligen Sowjetunion sehr verschlechtert hat. Svetlana stammt selbst aus der Ukraine und fährt dort auch heute noch sehr gern hin. Auch war sie früher oft im Baltikum zur Kur. In beiden ehemaligen Teilen der Sowjetunion fühlt sich Svetlana heute als Russin nicht mehr wilkommen.
Obwohl Svetlana über das Ende des Kommunismus sehr froh ist, betont sie, dass auch sie früher Kommunistin war. Sie hat eine Ingeneursausbildung erhalten und hat ihr gesamtes Leben vorrangig in diesem Beruf teilweise im Ausland gearbeitet. Ihr schon vor einiger Zeit durch einen Autounfall verstorbener Mann war im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion beschäftigt und wurde jeweils für mehrere Jahre nach Algerien, Ägypten und Bulgarien geschickt, wohin ihm Svetlana gefolgt ist. Als Mitglied des Zentralkomitees war er durchaus priviligiert, obwohl dies nicht eng in Svetlanas Bewusstsein verhaftet zu sein scheint. Sie erzählte uns von der zur Sowjetzeiten erworbenen komfortablen Datsche, der eigenen sowjetischen Grossraumlimousine Wolga und der Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer. Dinge, die zumindest nach unseren eigenen Erfahrungen in der DDR nicht zu der Standardausrüstung eines durchschnittlichen Sowjetbürgers gehört haben dürften. Svetlana findet, dass in der neuen Zeit sich die Herrschenden hemmungslos die eigenen Taschen füllen, während ihr Mann damals nicht einmal eine Flasche Wodka als Geschenk angenommen hätte. Kurz vorher hatte sie uns aber noch ihren Zobel-Pelzmantel gezeigt, den es zu sowjetischen Zeiten, wie sie selbst sagte, nur in Spezialgeschäften für die Mitglieder des ZK zu kaufen gab.
Alles in allem hat Svetlana trotz des Todes ihres Mannes die Wende gut überstanden. Dabei ist sie auch durch ihre Tochter Victoria unterstützt worden. Victoria hat einen gut bezahlten Abteilungsleiterposten in einer russischen Bank. Svetlana selbst hat bis zu ihrem 62. Lebensjahr gearbeitet, obwohl sie bereits wie in Russland für Frauen üblich, ab dem 55. Lebensjahr in Pension gehen können. Die letzten 12 Jahre ihres Berufslebens war sie als Verwaltungsleiterin für einen 15 Moskauer Musikschulen umfassenden Bereich tätig und organisierte die Instandsetzung, Lehrmittelbeschaffung, die Mensen etc..
In ihrer heutigen Wohnung wohnt Svetlana schon seit 36 Jahren. Sie hat sie in der Zwischenzeit auf westlichen Stand gebracht und bietet dort ausländischen Studenten, die an der Lomonossow-Universität Russisch lernen, Unterkunft. Über die Wohnungsvermittlung der Universität waren auch wir zu Svetlana gekommen. Wir haben uns sehr gefreut, dass wir bei ihr Gast sein durften. Sie hat uns ohne Umstände für einige Tage länger als geplant Unterkunft gewährt und uns nach russischer Art ausgezeichnet bekocht. Insbesondere ist dies eine im Vergleich zu sonstigen Moskauer Unterkunftsmöglichkeiten eine äußerst preisgünstige Übernachtungsalternative, bei der man viel über das russische Leben lernen und sich in der Sprache üben kann. Svetlana freut sich auch sehr, wenn einer unserer Leser bei ihr übernachten möchte. Man kann sie unter der Telefonnummer +7-495-1455898 erreichen und einen Aufenthalt vereinbaren. Russischkenntnisse sind allerdings unverzichtbar, da Svetlana keine andere Sprache spricht. Sie bemüht sich jedoch mit großer Geduld, auch das radebrechendste Russisch zu verstehen.

