Mitreisende in der 3. Klasse der Transibirischen Eisenbahn
Nachdem wir bislang für russische Verhältnisse eher luxuriös in der ersten und zweiten Klasse durchs Land gereist sind, haben wir für den Rest unserer russischen Bahnreise aus Kostengründen und Neugierde mehrheitlich in der dritten Klasse, im sogenannten "Platzkartnoy" reserviert. Hier gibt es im Gegensatz zu der zweiten Klasse (Coupé) keine abgeschlossenen Abteile, vielmehr handelt es sich um einen offenen "Grossraumliegewagen" mit 52 Liegen.
Nachdem wir bislang für russische Verhältnisse eher luxuriös in der ersten und zweiten Klasse durchs Land gereist sind, haben wir für den Rest unserer russischen Bahnreise aus Kostengründen und Neugierde mehrheitlich in der dritten Klasse, im sogenannten "Platzkartnoy" reserviert. Hier gibt es im Gegensatz zu der zweiten Klasse (Coupé) keine abgeschlossenen Abteile, vielmehr handelt es sich um einen offenen "Grossraumliegewagen" mit 52 Liegen.
Nachdem wir unsere Plätze gefunden hatten, wurden wir
schon innerhalb weniger Minuten von den "nächstliegenden" Mitreisenden angesprochen, wohin unsere Reise den gehen sollte und was wir denn hier machen würden. Geduldig lauschte man unseren nicht sehr stilsischeren russischsprachigen Ausführungen. Nach nur kurzer Zeit waren wir allerdings selbst erstaunt, wieviel wir schon sagen können und vor allem, wieviel wir verstanden, mehr als wir uns in den ersten zwei Wochen an der Moskauer Lomonossow-Universität hätten vorstellen können. Allerdings stehen alle folgenden Schilderungen unter dem Vorbehalt, dass das eine oder andere vielleicht nicht zu 100% von uns verstanden wurde.Unsere Gesprächspartner waren eine etwas rundliche, blondierte Mittfünfzigerin, die als Kinderchirugin in einem kleineren Ort in der Nähe unseres Ziels Tomsk arbeitet. Weiterhin reist mit uns ein Mittdreiβiger mit seinen zwei Töchtern aus einem 60 km von Moskau entfernten Ort sowie eine ca. fünfzigjährige Frau aus Jekaterinenburg im Ural, welches wie wir lernten zu Sowjetzeiten Swerdlowsk hieβ und von ihr nach wie vor so genannt wird.
Die gesamte Runde bestaunte unsere Reisepläne und freute sich, ein wenig von sich zu erzählen. Man war sich einig, dass das Leben im heutigen Russland nicht so einfach ist. Die Kinderchirugin klagte, dass für ihren gewiss nicht einfachen Job monatlich nur 7.000 Rubel (etwas mehr als 200 €) erhält. Das Unglück wäre mit der Perestroika gekommen. Vorher hätte sie immer gut in der zweiten Klasse Bahn fahren können und nicht wie jetzt in dritten. Ausserdem hätte sie sich jetzt mal ihre Pension ausrechnen lassen und da wurde ihr eröffnet, dass ihre gesamte Ausbildungszeit nicht angerechnet wird. Wir wissen nicht, ob dies auch auf diese Frau zutrifft, wir haben jedoch von anderen Russen gehört, dass ohne Extrazahlungen an das medizinische Personal überhaupt keine Chance auf eine angemessene Behandlung besteht, obwohl die medizinische Versorgung in Russland offiziell kostenfrei ist. Bei den Ärztegehältern wundert uns das allerdings nicht. Die Problematik erschien uns jedoch nicht allzu fremd, denn was in Russland die Direktzahlung an den Arzt ist, ist in Deutschland die private Krankenversicherung.
Der Mann aus der Nähe von Moskau wusste zu berichten, dass auf den Moskauer Baustellen kaum noch Russen arbeiten, weil sie für die geringen Löhne keinen Finger rühren würden. Stattdessen würden dort nur Kasachen und Bauarbeiter aus den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken arbeiten. Irgendwie kam uns auch dieses Problem bekannt vor. Der Mann erzählte, dass er einen landwirtschaftlichen Betrieb führt und klagte, dass nach den offiziellen Regeln jeder Betrieb zwangsläufig pleite gehen müsste. In den ersten drei Jahren beträgt der Unternehmenssteuersatz 50% danach sogar 75%. Auch die Steuerprobleme kamen uns irgendwie bekannt vor, wenn auch nicht in diesem Ausmaβ.
Schlieβlich wurden wir von der dritten Frau darüber aufgeklärt, dass die von Putin ausgerufenen 8.000 US$ für das zweite Kind eher als Fiktion zu verstehen sind. Das Geld bleibt beim Staat, bis das Kind 18 Jahre alt ist. Bis dahin gäbe es noch drei weitere russische Präsidenten und dann würde man von dem Geld eh nichts mehr sehen. Alle unsere Gesprächspartner wussten von leidvollen Erfahrungen mit der galoppierenden Geldentwertung in den 90er Jahren zu berichten, die ihre Ersparnisse vernichtet hatte. Nun schaltete sich eine weitere Frau in die Diskussion über den Sinn des Kinderkriegens ein, die auf einmal so hitzig wurde, dass leider unsere Russischkenntnisse versagten.

