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Fotomotive der Weltreise
Olaf's Blog September 06

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Olaf's Blog September 06

Lhasa, 28. September 2006

Lhasa für Fortgeschrittene

Vor unserer Mt. Everest Tour waren wir voll beschäftigt, nicht von der Höhenkrankheit niedergestreckt zu werden und die Haupttouristenattraktionen wie den Potala-Palast und den Jokhang Tempel zu erkunden. Jetzt sind wir zurück und haben uns an die Höhe mehr als gewöhnt, so dass wir unsere Zeit den verborgenen Seiten
der Stadt zuwenden können, bis wir übermorgen mit einer weiteren 8tägigen Jeep-Tour durch den Himalaya  zurück nach Südchina fahren werden.

Die mit Abstand herausragenste Attraktion bei einem längeren Aufenthalt in Lhasa ist der Besuch eines Nightclubs der Stadt. Dazu hat uns die 21jährige Nina verholfen, die mit uns zusammen im Mt. Everest Basecamp war. Sie wollte auf einen Dienstagabend nochmal richtig die Sau rauslassen und hat uns alte Säcke gleich mal mitgeschleift. Die Empfehlung für die Location kam von einem Kellner beim Abendessen. Er meinte, so ab 23 Uhr sollte es wohl voll sein. So gegen 23.30 Uhr schlugen wir dann dort zusammen mit Nina und Dan, unserer zweiten Mt. Everest Begleitung, beim Nightclub auf.

Vorm Eingang waren zwei solche Mädels versammelt, dass ich gleich mal an einen Puff dachte. Die Mädels hatten aber nichts gegen meine dreifache Damenbegleitung und führten uns die Treppe hoch in einen relativ grossen schummrigen Saal, der zu einem Drittel gefüllt war. Die Füllung bestand vor allem ziemlich angedrunkenen mittelalterlichen Männergruppen, die sich in plüschigen Sitzecken lümmelten und vor sich Bierdosenpyramiden auftürmten. Ein paar wenige Frauen waren auch darunter. Überschallt wurde die Szene von einem ohrenbetäubenden Klangteppich, der sich über alle und alles legte. Der Lärm kam von einer halbhandballfeldgrossen Las Vegas wannabe Bühne, die blinkte, was das Zeug hielt, und auf der ein Typ ziemlich schief zum Teilplayback tibetische Disco-Songs zum besten gab.

Wir taten es als einzige Ausländer auf dem Spot erstmal den Tibetern nach und lümmelten uns in eine dunkelrote Plüschecke, orderten aufgrund der 3.700 m Höhe aber Cola statt Bier. Es kamen auch prompt vier Dosen, aus denen in ca. 0,1 l Gläsern von einer als Kellnerin getarnten Trinkanimateurin immer kräftig nachgeschenkt wurde. Wollte man nicht trinken, wurde solange zwangsgeprostet, bis man sich ergab und wenigstens einen Schluck aus dem Glas nahm. Die Fehlmenge wurde dann sofort nachgefüllt und das Spiel ging von vorne los. So ergaben wir uns also langsam dem Cola-Rausch.

Zwischenzeitlich spielten sich auf der Bühne atemberaubende Szenen tibetischer playbackunterstützter Live-Unterhaltung ab. Wilde Tänze wurden in skurilen Kostümen wunderbar arhythmisch aufgeführt, so dass jeder Choreograph einen Nervenzusammenbruch bekommen hätte. Nach einigen Songs spitzte sich die Lage zu. Es wurde ein Lied zum Besten gegeben, das die Tibeter geradezu magnetisch auf die vor der Bühne befindliche Tanzfläche zog. Im Gegensatz zu den hemmungslos individualistischen westlichen Tanzformen, bemühten sich die Tibeter, eine aufeinander abgestimmte Cheerleader Gruppenperformance mit zumindestens angedeuteter Synchronisation inklusive rhytmischen Klatschens abzugeben. Je nach Alkoholpegel und Taktgefühl gelang dies dem Einzelnen mehr oder weniger gut.

Die beschriebene Szene war aber noch lange nicht der Höhepunkt des Abends. Dieser kam in Gestalt des lokalen Gesangsmatadors mit geschätzten 100 kg Lebendgewicht auf die Bühne. Seine halblangen schwarzen Haare hatte er mit einer Industriemenge Haargeel (hoffentlich...) an seinen Kopf geklascht und schmetterte tibetische Roland Kaiser Songs. Wenn es nicht an Roland Kaiser erinnerte, dann an Drafi Deutscher oder Howard Carpendale. Aufgrund der Sprachbarriere war leider nicht herauszufinden, welches deutsche Pendant am besten zum Vergleich herzuziehen wäre. Die Performance des Gesangsmatadors brachte das Publikum zum Rasen, so dass eine Vielzahl schwer betrunkener Tibeter zur Bühne stürzte und dem Sänger zuvor bei den Trinkanimateurinnen käuflich erworbene Seidenschaals in grossen Mengen um den Hals warf. Die machte den Sänger so glücklich, dass er jetzt mit verdoppelter Energie ins Mikro sülzte. Mit den Seidenschaals sah es inzwischen allerdings stark nach einer Sängerin aus.

Nach zwei Stunden waren wir der Cola-Pressbetankung leid, vom Lärm halbtaub und von der ekstatisch flackernden Bühnenbeleuchtung erblindet. Nina haben wir versprochen, in unserer Heimatstadt Hamburg mal ordentlich einen drauf zu machen, wenn wir wieder zurück in Deutschland sind.

Eine ganz andere und viel beschaulichere Seite Lhasas ist das buddhistische Nonnenkloster in der Nähe des moslemischen Viertels der Stadt. Da dieses in keinem uns bekannten Reisführer verzeichnet ist und die Nonnen nur bruchstückhaft Englisch sprechen, kann hier die genaue Bezeichnung des Klosters leider nicht wiedergeben. Der Vorteil der Nichterwähnung dieses Klosters in den Reiseführern ist die Ruhe des wunderschönen Innenhofes, in dem die Nonnen eine kleine Teestube betreiben. Neben Tee wird wahlweise Nudelsuppe für 20 Cent oder Dumplings (tibetische Teigtasche ähnlich russischen Pelmenis oder italienischen Raviolis) für 60 Cent serviert. Der Innenhof ist mit vielen unterschiedlichen Blumenarten dekoriert und von den Tibetern sehr geschätzt. Die Einheimischen scheinen dieses Lokal sehr zu mögen, denn es ist immer gut besucht. Die Nonnen sind zu ihren Gästen sehr freundlich und wuseln zwischen den Tischen in ihren dunkelroten Umhängen und kahlgeschorenen Köpfen umher. In der Mitte des Innenhofes befindet ein Brunnen, in dem neben dem Geschirr auch Wäsche gewaschen und Zähne geputzt wird. Insgesamt ein sehr friedlicher und beschaulicher Platz, an dem man den Tibetern beim Nachmittagstee zuschauen kann.

Weiterhin haben in diesen ruhigen Tagen den aus unserer Sicht im Lonely Planet zu Unrecht wenig empfohlenen Sommerpalast des Dalai Lamas besucht. Bei Sonnenschein ist dies ein sehr gemütlicher und ruhiger Ort, an dem man von den trubeligen Stadtleben ein wenig abspannen kann. Dank der Nicht-Empfehlung des Reiseführers trifft man auch hier verhältnismässig wenige Langnasen. Auf dem Rückweg sind wir dann noch auf einen grossen Markt mit allen Arten von Lebensmitteln gestossen. Hier konnten wir aus Bottichen springende Fische und Yakhälften bewundern. Leider war die Käseabteilung sehr überschaubar und lud auch nicht gerade zum Verkosten ein. Seit der Mongolei haben wir nun schon keinen vernünftigen frischen Käse mehr gesehen. Angesichts der ansonsten bislang aber sehr angenehm verlaufenden Reise nur eine kleine Entbehrung.




Lhasa, 26. September 2006

24 Erkenntnisse einer Tibet-Tour

1. Normale Feuerzeuge funktionieren schon auf einer Höhe von 4.700 m aufgrund von Sauerstoffmangel nicht.\

2. Im Everest Basecamp kann man tatsächlich die Höhenkrankheit bekommen, was sich u.a. durch taube Finger bemerkbar macht.

3. Auf 5.000 m Höhe enthält die Luft nur noch ca. 50 % des Sauerstoffs, den sie auf Meeresspiegelhöhe enthält.


4. Eine in Tibet handelsübliche Sauerstoffflasche zur Bekämpfung des Sauerstoffmangels bei einem Höhenkranken kostet ca. 2 EUR hält eine knappe Viertelstunde vor, bevor sie leer ist.

5. Im Everest Basecamp kann man bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einem Tatonka Orbit II Zelt ohne zu frieren übernachten, wenn man alle Sachen anzieht, die man mithat und man sich zusätzlich zu Schlafsack und Thermorest-Isomatte zwei Decken pro Person aus den Sherpa-Zelten leiht.

6. Am Mount Everest gibt es ein "Advanced Basecamp", welches auf 6.400 m liegt und noch ohne Sauerstoffgerät erreicht werden kann.

7. Auf 5.200 m Höhe kann es tatsächlich zu einem Verkehrstau kommen, der einen bis zu 5 Stunden aufhalten kann.

8. Eine Fahrradtour vom tibetischen Lhasa in das nepalesische Kathmandu kann man bei europäischen Reisebüros als Erholungsurlaub buchen.

9. Schon in 3.700 m Höhe kann man von einer halben Flasche Bier einen derartigen Hangover bekommen, dass man sich sehr stark nach einer "drinking friendly altitude" (credits: Nina) sehnt.

10. Im Everest Basecamp befindet sich auf 5.200 m Höhe das höchstgelegenste Postamt der Welt.

11. Tradionelle chinesische Duschen haben auf dem Boden ein Loch, welches gleichzeitig als Hockklo dient - quasi ein Duschklo. Solche Klos sind auch heute noch in nur Chinesen zugänglichen Billighotels zu besichtigen.

12. Hinter der Toilettentür in einem Restaurant am Wegesrand kann sich durchaus die open air Müllhalde an einem Flussufer verbergen.

13. Der englische Begriff für Schokoriegel wird auf einer Speisekarte im Everest Basecamp wie folgt buchstabiert: "cheqietbear" - soll heiβen: "chocolate bar".

14. Eine Chinesin und ein Tibeter können an einem Abend zusammen eine komplette dreisprachige Speisekarte (englisch, tibetisch, chinesisch) mit nur zwei Schreibfehlern erstellen und so den Nutzwert derselben deutlich erhöhen.

15. In der tibetischen Provinz kann man mit ein bisschen Glück eine von deutschem Rezept nicht zu unterscheidende Portion Bratkartoffeln für 80 Cent erwerben. Gegessen werden die Bratkartoffeln natürlich mit Stäbchen.

16. Tibetische Frauen auf dem Lande verzieren zum Zeichen ihres Wohlstands ihre Kleidung mit Münzen.

17. Ausserorts in einer 60 Zone 80 km/h zu fahren, kostet in Tibet 20 EUR Strafe.

18. Unser tibetische Fahrer Sonam hat nie die Schule besucht und spricht trotzdem ein wenig Englisch und relativ fliessend Chinesisch. Er verdient während der Saison monatlich ca. 100 EUR. In den tourismusfreien Wintermonaten verdient er ca. 50 EUR.

19. Man kann eine 90 min Kassette mit den Best of Michael Jackson bis zu 5 Mal hintereinander hören.

20. Eine chinesische Informatikprofessorin mit amerikanischem Pass und ein tibetischer Fahrer können sich 45 min lang über die korrekte Einstellung der Klimaanlage unseres Toyota Landcruisers streiten.

21. Chinesen sind trotz Kommunismus frei, ihr Land zu verlassen, um beispielsweise in den USA zu studieren.

22. Einen Daumen röntgen kostet in einem chinesischen Krankenhaus ca. 11 EUR.

23. Tibet ist wirklich das Dach der Welt.

24. Nach 6 Tagen im Himalaya kommt mir das 15 EUR Hotelzimmer in Lhasa wie zu Hause vor.



Lhasa, 19. September 2006

Keiner kommt nach Kashgar

Es war kurz nach unserer Einreise nach China, als ich mich unserem Lonely Planet Reiseführer näher gewidmet hatte. Mein Auge war auf den äuβersten nordwestlichen Zipfel Chinas gefallen. Dort gibt es an der Grenze zu Pakistan an der ehemaligen Seidenstrasse eine Stadt namens Kashgar. Neben der ehemaligen Seidenstrasse gibt es dort in der Nähe beispielsweise den Hochgebirgssee Karakul, der von 6.000 plus Meter hohen Bergen umgeben ist. Ausserdem gibt es Sanddünen und vieles mehr dort zu sehen. Sabines Kommentar dazu war leider nur, dass sie gar nicht einsieht, warum ausgerechnet in den letzten Winkel Chinas möchte, wo es doch soviel wesentlich bekanntere Touristenattraktionen in diesem Land gibt.

Der eigentliche Reiz an Kashgar bestand neben der Seidenstrasse für mich allerdings in der Möglichkeit, von dort über mehrere 5.000 plus Meter hohe Pässe auf völlig entlegenen Strassen nach Tibet einzureisen. Auch das traf leider nicht auf Sabines Wohlgefallen, was auf die, wie wir jetzt wissen, nicht unbegründete Angst vor der Höhenkrankheit zurückzuführen ist. In 5.000 m Höhe hat die Luft nur noch ca. 50% des Sauerstoffgehalts, den sie auf Höhe des Meeresspiegels hat. Das ist für den Organismus insbesondere bei schnellem Aufstieg nicht so einfach zu verkraften. Sabine und ich haben dies bei unserer Ankunft per Flugzeug (wir haben also nicht die Kashgar-Route gewählt - Flugzeug ist aufgrund des schnellen Aufstiegs aber auch nicht besonders clever) im 3.700 m hohen Lhasa (ca. 63% des Sauerstoffgehalts vom Meeresspiegelniveau) dann auch prompt gespürt. Der Sauerstoffmangel macht sich durch Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Kurzatmigkeit bemerkbar. Nach einer knappen Woche hier sind die Beschwerden aber glücklicherweise verschwunden, so dass wir uns morgen in die Hochgebirgsumgebung per Jeep aufmachen können.

Für unsere Jeep-Tour hatten wir uns ursprünglich mit dem amerikanischen Pärchen Cyril und Stella verabredet. Dies beiden Mittvierziger sind echte Hippies (lange Haare, Ethnoklamotten, Cyril mit Vollbart etc.) und genau wie wir auf länger andauernder Weltreise. Wir hatten an den Messageboards in Lhasa einen Aushang gemacht, auf den wir zwei Mitreisende für unsere Jeep-Tour gesucht hatten. Genau wie in der Mongolei, bezahlt man hier das Auto mit dem Fahrer und je mehr mitfahren, desto günstiger wird es für den Einzelnen. Cyril und Stella hatten wir dann aber nicht über den Aushang gefunden, sondern sind ihnen einfach auf der Strasse über den Weg gelaufen. Sie waren in dem gleichen Flieger wie wir und so hatten wir beschlossen, zunächst zusammen zum Mount Everest Base Camp zu fahren und später ostwärts in Richtung Yunnan zurück nach China. Diese Entscheidung hatten aber erst getroffen, nachdem auch Cyril seine Stella nicht überzeugen konnte, westwärts nach Kashgar zu fahren. Cyril hatte genau wie ich damit geliebäugelt, wenn schon nicht von Kashgar nach Lhasa, so doch wenigstens diese wilde Tour in umgekehrter Richtung zu machen. Also wieder nichts mit Kashgar.

Morgen sollte unsere Tour beginnen, heute morgen haben wir an der Rezeption unseres kleinen Hotels dann aber die Nachricht vorgefunden, dass Stella inzwischen schwerwiegende Symptome der Höhenkrankheit hat und ihr Gesicht und ihre Hände sich taub anfühlen. Somit hatten wir also unsere Reisegefährten bereits einen Tag vor Abfahrt wieder verloren. An dieser Stelle wünschen wir nochmal gute Besserung! Wir mussten schnellstmöglich Ersatz beschaffen, was uns mit Hilfe derjenigen Kontakte, die sich auf unseren Aushang gemeldet hatten, auch gelungen ist. Wir hatten bereits abgesagt, aber glücklicherweise hatten die 21jährige Nina aus Passau und die 38jährige chinesischstämmige Amerikanerin Dan noch keine anderen Pläne gemacht. So werden wir uns mit den beiden morgen in Richtung Everest Base Camp aufmachen. Vor der Reiseagentur haben wir dann noch den älteren Kanadier wiedergetroffen, den wir zuletzt in Datong gesichtet hatten. Er wollte seinerzeit nach Kashgar. Ich wollte ihn dann auch gleich befragen, wie die wilde Bergroute von dort nach Lhasa denn so war. Da hat er mir mitgeteilt, dass auch er nicht nach Kashgar gefahren ist. Nichtdestotrotz hören wir immer wieder von Leuten, die nach Kashgar wollen, heute von der Australierin Susan. Wir haben sie gebeten, uns eine Mail zu schicken, wenn sie dort ist. Mal sehen, ob wir was erfahren werden.

Die Akklimatisierung an die grosse Höhe und den geringen Sauerstoffgehalt der Luft hat uns zusammen mit der Organisation unserer Jeep-Tour in den letzten 5 Tagen hier in Lhasa ganz schön auf Trab gehalten. Trotzdem konnten wir ganz gut in den Alltag der Stadt eintauchen. Auffällig ist vor allem der Unterschied zwischen der entspannten und freundlichen Mentalität der Tibeter und dem eher geschäftsmässigen Auftreten der Chinesen. Ohne hier grosse Abhandlungen über die Unabhängigkeit Tibets niederzulegen (Tibet ist auf unserer Reiseroute ein eigenes Land), so habe ich persönlich jedoch das Gefühl, das die zugereisten Chinesen eher Fremdkörper in Lhasa sind. Der Puls der Stadt wird von den vielen Pilgern bestimmt, die hier den im Zentrum der Stadt befindlich Jokhang Tempel mit grossem Eifer umrunden. Weiterhin sind hier trotz nach wie mittels notwendiger Sondererlaubnis erschwerten Zugang erstaunlich viele Touristen vor Ort ("Sieben Jahre Tibet" laesst gruessen). Touristen gehören inzwischen zum Alltag und sind von den Tibetern bereits als lohnenswerte Geldquelle in ihre Mitte integriert worden. Trotz der zunehmenden Kommerzialisierung des Geschäftes ist die Mehrheit der Tibeter nach wie vor erstaunlich freundlich und entspannt im Umgang mit den Fremden. Diese benehmen sich leider nicht immer besonders einfühlsam. Gestern sind mir zwei Touristen aufgefallen, die sich mit ihren Teleobjektiven vor dem Tempeleingang geradezu verschanzt hatten. Sie wollten möglichst viele zugegebenermaβen wirklich eindrucksvoll und teilweise exotisch aussehende Pilger quasi "abschieβen" und auf ihren Memory-Ship bannen.

Im grossen Pilgergeschäft von Lhasa fallen die in roten Kutten gekleidete Bettelmönche auf, die vor einem Haufen mit insgesamt nur wenige Euro wertvollen Geldscheinen sitzen, religiöse Lieder singen und bei jedem Passanten die Hand aufhalten. Geld scheint in Buddhismus ohnehin eine grosse Rolle zu spielen. In den Tempeln werden die jeweiligen Heiligen geradezu mit Geldscheinen überworfen. Die Mönche sammeln sie dann wieder ein und zählen und sortieren sie. Neben dem religiösen Geschäft fällt aber auch eine noch wesentlich grössere Anzahl als in China von wirklich sehr armen Bettlern auf. Unter ihnen viele Krüppel und Mütter mit Kindern.

Bei der Hautattraktion von Lhasa, dem Potala Palast (eigentlich - d.h. ohne chinesische Besatzung - Sitz des Dalai Lama), wird die Organisationskunst der Tibeter von dem immer stärker anschwellenden Touristenstrom auf eine harte Probe gestellt. Lobenswert ist die Beschränkung der täglichen Anzahl auf 500. So kann man den Palast in relativer Ruhe, d.h. ohne exorbitante Touristenhorden wie z.B. in der Verbotenen Stadt, besichtigen. Der Vergabeprozess der Tickets verläuft allerdings in einem mehrstufigen grotesken Prozess:

1. Am Tag vor der geplanten Besichtigung erscheint man morgens zwischen 8 und 9 Uhr am Palast und wir auf ein im letzten Winkel verstecktes und nicht ausgeschildertes Ticketoffice verwiesen.

2. Am Ticketoffice schreibt einem ein Möchtegern Al Capone mit verspiegelter Sonnenbrille eine Nummer auf den Unterarm und weist einen an, um 11.30 Uhr an gleicher Stelle wieder aufzuschlagen.

3. Um 11.30 Uhr bekommt man hinter einem käfiggleichen Absperrgitter einen seiner Nummer entsprechenden Platz zugewiesen.

4. Um 12 Uhr öffnet das Ticketoffice und man kann sich am Absperrgitter entlang langsam in der Schlange in Richtung Ausgabeschalter hangeln.

5. Wenn man morgends nicht früh genug da war und somit die Nummer auf dem Unterarm relativ hoch ausgefallen ist (in unserem Fall 131), dann erreicht man den Schalter nach einer guten Stunde.

6. Nach Vorlage des Reisepasses erhält man dann von Al Capones Assistentin einen Anrechtsschein, am nächsten Tag um 15 Uhr ein Ticket für 10 EUR zur unmittelbaren Palastbesichtigung zu erhalten.

7. Am nächsten Tag um 15 Uhr kann man endlich das Ticket kaufen und danach den Palast besichtigen.

Wir wurden beim Warten in der Schlange vom zufällig vor Ort drehenden koreanischen Fernsehen über unseren Zufriedenheitsgrad mit dem Ticketvergabeprozess interviewt. Leider war ich viel zu freundlich und habe gesagt, dass ich eh grad Urlaub und somit viel Zeit habe...

P.S.: Kashgar steht jetzt auf der Liste für eine zukünftige Zentralasienreise inkl. Usbekistan und Kasachstan.



Zug nach Xian, 10. September 2006

Tee 80 €, Bier 40 Cent, Mao for free
 
Schliesslich konnten wir nun doch noch auf unseren beiden Liegen im "Soft Sleeper" Zugabteil nach Xian breit machen. Zwischenzeitlich sah es eher schlecht aus, was eine Reservierung in dieser besseren Zugklasse anging. Der Buchungsvorgang bei der Reiseagentur entwickelte sich von "No problem, you will get the tickets tonight." (5 Tage vor Abfahrt) über "Probably no problem." (4 Tage vor Abfahrt) und "Maybe tomorrow." (2 Tage vor Abfahrt) zu "There is no ticket." (1 Tag vor Abfahrt). Da wir aber auf der Basis "No problem." Flugtickets von Xian nach Lhasa für Donnerstag gebucht hatten, war da auf einmal ein ziemliches Problem, welches sich dann am heutigen Abfahrtstag durch das Auftauchen unserer beiden Tickets glücklicherweise wieder in Luft auflöste. Hat aber ganz schön Nerven gekostet.

Eigentlich hatten wir die 7 Tage in Peking als Erholung  geplant, da wir das erste Mal seit dem Baikalsee in Sibirien wieder länger als zwei Nächte an einem Ort waren. In Peking muss man sich die Erholung allerdings schon verdienen, indem man sich von der teilweise wirklich extremen Luftverschmutzung, der Betonwüste und der Unmenge hektisch herumwuselnden Chinesen nicht irritieren lässt. Dafür kann man eine Stadt erleben, die allein mit ihren von jeder Menge chinesischen und ausländischen Tourgruppen besuchten klassischen Touristenattraktionen einen schon eine ganze Woche auf Trab halten kann.

Die Klassiker in Peking sind die verbotene Stadt, die nicht weit entfernte chinesische Mauer, der Sommerpalast des Kaisers, das buddhistische Lama-Kloster und jede Menge weitere Tempel, die grosse Halle des Volkes (für Staatsempfänge mit tradionellen Hockklos ausgestattet - Angela Merkel wird ihren Spass haben) und nicht zuletzt der grosse Vorsitzende Mao. Dieser liegt ziemlich gelb und untot in seinem Mausoleum auf dem Platz des himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz) herum. Mao ansehen ist im Gegensatz zu den restlichen Attraktionen kostenlos und die erstaunlichen chinesischen Menschenmassen (Es wollen ihn tatsächlich jede Menge Leute sehen.) werden mit weitaus grösserer Effizienz an dem Untoten vorbeigeschleust, als es die Russen bei ihrem Lenin zuwege bringen. Allerdings sind die Russen, wie schon unser Ex-Kanzler Schröder bemerkte, "lupenreine Demokraten" - zumindest im Vergleich zu den Chinesen. Hier parken Dutzende von Mannschaftswagen der Polizei entlang des Platzes, auf dem 1989 auch in China nach Demokratie verlangt wurde. Auf den Platz selbst kommt man nur durch ein Labyrinth von Unterführungen, die als künstliches Nadelör jeden unkontrollierten Menschenauflauf auf dem Platz unmöglich machen sollen. Dies hat uns natürlich niemand erzählt, aber mit DDR Erfahrung braucht man solche Erläuterungen auch gar nicht. Beobachten konnten wir auch, wie einige Polizisten zwei Stadtstreicher ziemlich rabiat verprügelten, als sie sich einen Spass machen und in das abgesperrte Arial um die auf dem Tiananmen-Platz gehisste chinesische Staatsflagge springen wollten. Arme und Bettler gibt es hier erstaunlich viele - zumindest in dieser Hinsicht sind die Chinesen frei.

Eine weitere Sehenswürdigkeit in Peking ist das traditionelle Marktviertel südlich vom Tiananmen-Platz. Hier ist von Kommunismus keine Spur, sondern alles gehorcht den Gesetzen des freien Marktes. Es gibt wundervolle "adinice" Turnschuhe für 10 EUR (Verhandlungsbasis) das Paar und Hemden für 1,50 EUR. Reinschmeisser klatschen rhytmisch vor den Läden und es werden schwarzgebrannte DVDs sowie alle möglichen gefakte westlichen Klamottenlabel angeboten. Bis auf wenige Strassenzüge sind die meisten der ein- bis zweigeschossigen Blocks leergezogen und bereits mit Bauzäunen abgesperrt. Nachts gibt es in diesen Geisterstrassen auch kein Licht mehr. Olympia 2008 wirft seine Schatten voraus und lässt bald die Bulldozer anrollen. Die wenigen noch lebendigen Strassen verwandeln sich abends jedoch in ein riesiges Restaurant. Pünktlich zur Essenszeit stehen auf einmal jede Menge Grills auf der Strasse, auf denen alles Mögliche gebraten wird. Schnell kommen noch ein paar Tische hinzu. Hier wird man für 2-3 EUR mehr als satt. Die 0,6l Flasche Bier kommt für 40 Cent. Unser recht ordentlich ausgestattes Doppelzimmer befindet sich inmitten dieses Gewusels im 1. Stock des 365inn (www.365inn.com.cn). Das hat den Vorteil, dass man sich in der Mitte dieses pulsierenden Lebens befindet. Der Nachteil besteht vor allem darin, dass man hier schon frühmorgens mit den leider auf breiter Front anzutreffenden widerlichen chinesischen Angewohnheiten, wie Nase hochziehen, dezibelstarkes Rausrotzen, Rülpsen und ähnliches konfrontiert wird. Während ich dieses schreibe, muss ich leider beobachten, wie der in unserem Abteil schräg über mir liegende Chinese in aller Ausgiebigkeit popelt und seine Beute durch das Abteil schnippst. Diese Tätigkeit begleitet er mit ein paar entspannten Furzen. Wir befinden uns wohlgemerkt in der besten Klasse der chinesischen Eisenbahn, die sich vermutlich maximal 10% der Chinesen leisten können. Aus der zweiten Klasse, dem sogenannten "Hard Sleeper", haben wir von anderen Travellern Stories gehört, die wir auf ihren Wahrheitsgehalt lieber nicht selbst überprüfen wollen.

Neben diesen für westlich sozialisierte Reisende eher skurilen Facetten des chinesischen Alltags gibt es noch ein anderes Peking: das Beijing der Expats. Wir hatten das Glück, dass Susi und Christian, zwei in Beijing arbeitende Kollegen meiner Firma MDM, sich die Zeit genommen haben, uns hier ein wenig herumzuführen. Susi ist schon knappes Jahr hier und es gefällt ihr sehr gut. Christian ist erst vor einer guten Woche angekommen, hat aber schon einige turbulente Geschäftsessen überstehen müssen. Gemeinsam haben wir die schönen Ecken von Peking erkundet, die viele Annehmlichkeiten zu bieten haben. So waren wir beispielsweise auf dem Lotus-Markt. Dies ist eine Ansammlung sehr schöner Restaurants um einen lieblichen See mit viel in Peking sehr rarem Grün umgeben. Man hat ein genialen Blick und die Küche ist sehr gut. Leider sind solche Oasen in Peking ausserordentlich selten, da die rasante wirtschaftliche Entwicklung die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden spriessen lässt und die wenigen geplanzten Bäume gegen die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Luftverschmutzung kaum eine Chance haben. Dagegen kann man sich in den Wohntürmen zwar mit Klimaanlage und schalldichten Fenstern schützen, aber eine Sommerwiese ersetzt auch das nicht. Ein absolutes Highlight unsere Tour durch das andere Peking war unser Besuch im Laoshe Teehaus (www.laosheteahouse.com). Hier entflieht man dem Strassenlärm und taucht in die vollkommen entspannende Welt des Tees. Eine sehr sympathische Chinesin (Christian: "Ich spüre die aphrodisierende Wirkung des Tees") zelebriert das chinesische Teeritual, bei dem der Tee in ein kleinen Kanne aufgebrüht und dann nochmals in mehrere Schälchen umgekippt wird, bis er die richtige Trinktemperatur erreicht hat. Die Teeschale wird von Männern und Frauen unterschiedlich gehalten (die Frauen spreizen den kleinen Finger ab - echte Männer natürlich nicht). Begleitet wird das ganze von entspannender harfenähnlicher Musik, die eine weitere Dame aus einem chinesischen Instrument hervorzaubert. Dazu wird vorzügliches Gebäck gereicht. Die unterschiedlichsten Staatsoberhäupter, unter ihnen Helmut Kohl, haben sich hier schon verwöhnen lassen. Entspannung hat in Peking ihren Preis, in diesem Fall für ca. 1,5 Stunden 80 EUR, die sich wirklich lohnen.



Datong, 03. September 2006
 
Datong
 
Trotz der in China nach wie vor herrschenden Kommunistischen Partei hat auch hier inzwischen die Klassengesellschaft Einzug gehalten. Wir sitzen in den verhältnismäβig bequemen Sesseln der "Soft Sleeper" Lounge auf dem Hauptbahnhof von Datong. "Soft Sleeper" ist die Business Class der chinesischen Eisenbahn und mit zweiten Klasse in Russland vergleichbar. Man reist in Viererabteilen und nicht in Grossraumliegewagen. Leider ist unsere Business Lounge ziemlich überfüllt und die Chinesen versuchen zusammen mit der Bahnhofsdurchsage den schon an sich sehr lauten Grossbildfernseher zu übertönen, der hier zur Unterhaltung der Reisenden aufgestellt wurde. Bis eben gab es eine Show, die wohl am ehesten mit der früheren ZDF-Hitparade zu vergleichen ist. Jetzt ist es von der Übertragung eines Volleyballspiels der chinesischen Frauen-Nationalmannschaft abgelöst worden.
 
In einer knappen Stunde wird unser Nachtzug nach Peking fahren und uns aus der chinesischen Provinz in die Hauptstadt bringen. Provinz ist hier relativ, denn Datong hat immerhin 2,3 Mio Einwohner. Dennoch ist diese Stadt nur die zweitgroesste der Provinz Shanxi. Uns hat es hier verschlagen, weil wir an der Grenze keine Direktverbindung nach Peking bekommen hatten und uns unser Reiseführer auf Höhlen mit 50.000 Buddha-Statuen und ein an einer Felswand "hängendes Kloster" neugierig gemacht hat. Diese beiden Sehenswürdigkeiten befinden sich in der Nähe von Datong.
 
Nach unserer Ankunft am gestrigen Tage haben wir uns in die Obhut des "Chinese International Travel Service" (CITS) begeben, der hier das Monopol auf die Beherrschung der englischen Sprache als auch auf die begehrten "Soft Sleeper" Tickets und auf allen sonstigen touristischen Basisbedarfs wie Hotel-Discounts und Touren zu den erwähnten Sehenswürdigkeiten zu haben scheint. So haben wir in einem CITS discounted Doppelzimmer für 14 EUR übernachtet und haben uns heute auf eine CITS geführte Tour zu Höhlen und Kloster zusammen mit den restlichen in der Stadt befindlichen ca. 15 Touristen begeben.
 
Unsere Reiseführerin war klassisch mit einer blauen CITS Fahne ausgestattet, der wir zu folgen hatten und in den engen Gängen des Klosters wurden wir ermahnt, schnell weiterzugehen, um ja keinen "Traffic Jam" zu produzieren. Ansonsten gab sie sich grosse Mühe, uns die Geschichte von Datong, Kloster und Höhlen in recht schwer verständlichen da mit starken chinesischem Akzent versehenen Englisch nahe zu bringen. Am meisten haben mich die Höhlen mit den ca. 1.500 Jahre alten und teilweise extrem riesigen Buddha-Statuen beeindruckt. Wie in anderen buddhistischen Tempeln werden hier die Geschichten aus dem Leben des Buddha in Wandreliefs erzählt.
 
Nachtrag: Die "Soft Sleeper" sind tatsächlich ihr Geld wert. Wir haben wunderbar, aber leider viel zu kurz geschlafen, da wir schon morgens um kurz vor 5 Uhr auf dem Pekinger Bahnhof angekommen sind.



Ereen, 01. September 2006
 
Der erste Tag im Reich der Mitte
 
Nachdem wir von unserer 10tägigen mongolischen Landpartie ziemlich verstaubt und hungrig zurückgekommen sind, haben wir nach ein paar geschäftigen Stunden Aufenthalt in Ulan-Bator (Duschen, Essen, Internet, Fotos auf CDs brennen & Akkus für Kamera/PDA aufladen) noch am selben Abend den Nachtzug nach Ereen auf der chinesischen Seite der Grenze bestiegen. Die Züge nach Peking waren leider ausgebucht, da die hiesige Reisebüromafia alle Tickets Monate im Voraus aufkauft, um sie dann für den doppelten Preis an den Touristen zu bringen.
 
Im chinesischen Ereen sind wir heute nach Nachtfahrt und ca. 5 Stunden Grenzabfertigung (2 Stempel...) am frühen Nachmittag angekommen. Krysta und Yafeh von unserer Mongolei-Tour waren zufällig im gleichen Abteil gewesen und hatten bereits in Ulan-Bator Tickets für Nachtbus von Ereen nach Peking erworben. Sie hatten mit dem Ticket eine Karte mit dem Konterfei eines mittelalterlichen chinesischen Pärchens erhalten, welches sie am Bahnhof erwarten und den Bustransfer organisieren sollte. Dieses war dann tatsächlich am Bahnhof und hatte neben unseren Reisegefährten ca. 50 weitere Rucksackreisende aus Ulan-Bator empfangen. Auf Nachfrage sagten sie, dass sie für 50 US$ auch für uns noch zwei Tickets für ihren "Sleeper-Bus" nach Peking hätten. Wir waren also guten Mutes, dass alles wunderbar klappen würde und wir bald wieder in der richtigen Zivilisation mit Starbucks und McDonalds ankommen würden.
 
Als der Bus am Bahnhof vorfuhr, stellten sich die von Krysta und Yafeh bereits auf der Zugfahrt angepriesenen kompfortablem Betten an Bord eher als eine Art Käfige heraus, in denen man einem Viehtransport gleich in recht unbequemer halb liegender, halb sitzender Rückenlage in Dreierreihen auf zwei Ebenen während der nächsten 12 Stunden nach Peking gekarrt werden sollte. Hinzu kam, dass nicht für alle Reisenden ein eigener Käfig bereit stand, sondern unser chinesisches Pärchen den Bus offensichtlich zu ca. 50% überbucht hatte. Daher endete die Reise nach 5 Minuten bereits wieder am Busbahnhof von Ereen. Wir mussten alle unsere Rucksäcke wieder mühsam aus dem Bus zerren und sollten warten, auf nunmehr zwei Busse verteilt zu werden.
 
Am Busbahnhof stellte sich dann heraus, dass das chinesische Pärchen offensichtlich gar keinen eigenen Bus besaβ, sondern nur die offiziellen Tickets gegen Aufschlag an die unwissenden Westler weiter verkaufte. Leider hatten sie sich mit der Anzahl verkalkuliert und versorgten jetzt erstmal diejenigen mit Bustickets, die schon in Ulan-Bator für die Weiterreise nach Peking bezahlt hatten. Hier konnte ich nun erstmals Bekanntschaft mit der chinesischen Kultur machen. Ich versuchte den Menschen unter Druck zu setzen, indem ich ihm sagte, dass er bitte auch uns unverzüglich zwei Tickets geben sollte, oder dass ich sonst meine 50 US$ zurück erhalten möchte. Darauf erhielt ich prompt unser Geld zurück und der Chinese würdigte mich keines Blickes mehr. Die Nachfrage am Ticketschalter des Busbahnhofs ergab, dass für heute tatsächlich keine offiziellen Tickets nach Peking mehr gab. Damit hatte ich es mit meiner Ungeduld also mal deutlich versaut, denn der nächste Bus ging erst am Nachmittag des Folgetages. Allerdings war mein schlechtes Gewissen dem chinesischen Geschäftemacher gegenüber ziemlich unbegründet, wie sich später noch herausstellen sollte.
 
Nun saβen wir also ganz entgegen unseres Planes in diesem chinesischen Grenzkaff fest. Eigentlich wollten wir ja direkt nach Peking, um uns in der Weltstadt langsam an die in China leider sehr extrem ausgeprägte Sprachbarriere und die Gepflogenheiten des neuen Landes langsam zu gewöhnen. Zudem schien es so, dass die anderen Ausländer irgendwie alle einen Platz auf den Bussen gefunden hatten.
 
Nun konnten wir also mal das vollen Programm des unabhängigen Reisens in China ohne fremde Hilfe direkt in der entlegendsten chinesischen Provinz ausprobieren. Die Schriftzeichen sagten uns nichts und Englisch spricht hier auch kein Mensch. Wir hatten knapp 20 EUR chinesischer Währung in der Tasche und keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Als erstes durchstöberten wir unseren Reiseführer nach den wenigen Begriffen, die dort in chinesischen Schriftzeichen abgedruckt waren. Damit konnten wir einem chinesischen Taxifahrer klar machen, dass er uns zurück zum Bahnhof bringen sollte. Da der Fahrpreis von 4 Yuan (40 Cent) zum Glück aussen am Taxi angeschlagen war, gab es auch keine Probleme mit der Preisverhandlung.
 
Am Bahnhof stellte sich leider heraus, dass es für den nach unseren Brechnungen noch am selben Tag abends aus Ulan-Bator eintreffenden und nach Peking weiterfahrenden Zug wie schon in Ulan-Bator keine Tickets mehr gab. Es gab erst einen Zug am nächsten Morgen in ein weiteres Provinzkaff, von wo es dann Züge nach Peking geben sollte. Es führte also nichts an einer Übernachtung in Ereen vorbei. Also stiefelten wir mit unserem Gepäck über den Bahnhofsplatz und haben in einem kleinen Hotel ein verhältnimäβig kompfortables Doppelzimmer für 138 Yuan (ca. 13,80 €) bezogen. Damit waren unsere Barreserven so gut wie erschöpft, so dass wir für Nachschub sorgen mussten. Wieder mit unseren Schriftzeichen aus dem Lonely Planet bewaffnet, haben wir es dann auch bis zur Bank of China geschafft. Dort mussten wir feststellen, dass die Abwertung des Dollars gegen den Yuan leider schon ein ganzes Stück fortgeschritten ist. Statt dem 2005er Reiseführerkurs von 8,30 Yuan pro Dollar gibt es jetzt nur noch 7,80 Yuan. Dennoch ist dieses Land nach wie vor unglaublich günstig. Das konnten wir bei nachfolgenden Abendessen mit zwei Riesenportionen Hühnchen süβsauer feststellen, welches inklusive zweier grosser Bier 5,50 EUR gekostet hatte. Wahrscheinlich war bei der Preisfindung schon ein Ausländeraufschlag enthalten. Auf jeden Fall hatten die Kellnerinnen super viel Spass, gemeinsam mit uns anhand der Lonely Planet Schriftzeichen, unsere Essenswünsche näher zu definieren. Als Langnase ist man hier nach wie vor eine grosse Attraktion. Um zukünftig besser evtl. Essenswünschen von Ausländern nachkommen zu können fand am Nebentisch gerade eine Fotosession statt, bei der die kulinarischen Köstlichkeiten des Restaurants wahrscheinlich für eine bebilderte Speisekarte abgelichtet wurden.
 
Zwischen Bank und Restaurant hatten wir uns noch schnell zwei Bustickets für den nächsten Morgen nach Datong gekauft, welches ungefähr auf halben Weg zwischen Ereen und Peking liegt. So können wir nun der Käfighaltung im Übernachtbus entgehen und gleichzeitig einige laut Reiseführer sehr sehenswerte Höhlen mit ca. 50.000 Buddha-Statuen in der Nähe von Datong besichtigen. Hoffen wir mal, dass sich der Umweg loht. Allerdings ist schon das Vermeiden des Übernachtbusses eine Errungenschaft für sich.
 
Abends haben wir dann auf dem Weg ins Hotel noch einen israelischen Rucksack-Traveller getroffen. Ihn hatte zusammen mit einem Franzosen auch ohne Geldrückforderung das Schicksal der Nichtmitnahme im Bus nach Peking ereilt. Es waren einfach nicht genügend Plätze da. Der Israeli erzählte uns, dass es nach unserem Abflug vom Busbahnhof zu einer ziemlich unangenehmen Szene zwischen dem Chinesen, der die Bustouren mit Aufpreis und einem anderen Chinesen gekommen ist. Es irgendwie um das Geld des Israelis, welches es für das Ticket bezahlt hatte und wofür er nun ein Ticket für den Folgetag erhielt. Die beiden Chinesen begannen sich um die ca. 22 EUR im,vollbesetzten Wartesaal zu prügeln. Nachdem der Israeli einige Sicherheitsleute dazu geholt hatte und diese keine Anstalten machten einzugreifen, ging der Israeli selbst dazwischen. Im Ergebnis hat er dann selber eine gefangen und wäre fast verprügelt worden. Nach diesem Bericht hatte ich es dann auch nicht mehr bereut, dem chinesischen Ticketdrücker mein Misstrauen entgegengebracht zu haben. Wir hätten eh in Ereen bleiben müssen und Schlägertypen braucht man auch nicht besonders zuvorkommend behandeln.

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