Olafs Blog - 2.714 km auf Ob und Irtytsch vom 24.7. bis 01.08.
1. Tag - Wolkenbilder
Heute um 17 Uhr war es endlich soweit und unser Schiff "Tschernoschewski" ist mit uns und weiteren geschätzten 300 Passagieren an Bord aus dem Salekharder Hafen ausgelaufen. Wir sind die einzigen Ausländer an Bord und reisen für unter 100 € pro Person in der ersten Klasse die gesamten 2.400 km vom Polarkreis bis zum südsibirischen Omsk. Die Kombination dieser drei Tatsachen hat uns die besondere Wertschätzung des Kapitäns eingebracht, so dass wir als erste an Bord gehen durften und auch als einzige auf dem eigentlich der Mannschaft vorbehaltenen Kapitänsdeck die Aussicht auf den sibirischen Himmel in der Mitternachtssonne genießen können.
Auch wenn dies erst der erste Tag unserer noch weitere 6 Tage dauernden Schiffsreise ist, so weiß ich schon jetzt, dass der sibirische Himmel mir in ganz besonderer Erinnerung bleiben wird. Hier ist die Taiga so flach, dass man buchstablich soweit blicken kann, bis die Wolken die Erde berühren. Vor allem was das für Wolken sind. Zur gleichen Zeit kann man blauen Himmel, Schäfchenwolken, Gewitter und durch eine geschlossene Wolkendecke durchbrechende Sonnenstrahlen sehen. Das ganze ist in ein ganz besonderes Licht der zu dieser Jahreszeit in diesen Breiten 24 Stunden am Himmel stehenden Sonne getaucht. Man kann sich in der Weite Sibiriens tatsächlich verlieren und stundenlang in den Himmel gucken.
2. Tag - Die Welt ist klein
Heute habe ich am Bug unseres Schiffs ein Messingschild entdeckt, auf dem zweisprachig in schönstem Deutsch und Russisch geschrieben stand, dass es 1955 auf der volkseigenen Warnowwerft in Warnemünde , dem Seebad unserer Heimatstadt Rostock, gebaut worden ist. Nachdem Schiff und Besatzung schon bei der Abfahrt in Salekhard einen nicht nur für russische Verhältnisse äußerst vertrauenswürdigen Eindruck gemacht haben, fühle ich mich nach dieser Entdeckung hier nun völlig geborgen, auch wenn die "Tschernoschewski" schon 51 Jahre auf dem Buckel hat.
Entdeckt habe ich das Schild eigentlich nicht wirklich selbst. Vielmehr stand ich am Bug des Schiffes und habe einmal mehr die unendliche sibirische Weite genossen, als plötzlich drei schon ziemlich angetrunkene Gestalten in identischen 3/4 langen Tarnhosen und mit verspiegelter Sonnenbrille sowie Bierdose bewaffnet auf mich zukamen und mich irgendwas fragten. Auf meine Antwort hin, dass ich nur wenig Russisch spreche und sie leider nicht verstanden habe, war ihr Interesse an mir geweckt und sie fragten mich, wo ich denn herkomme und was ich denn hier machen würde. Als ich antwortete, dass ich aus Deutschland käme, wurde ich erstmal freudig mit dem Hitlergruß begrüßt. Nachdem ich dem leider immer wieder vorkommenden Mißverständnis entgegengewirkt hatte, dass wir uns Deutschen über derlei Dinge freuen würden, lenkten sie meine Aufmerksamkeit auf das besagte Messingschild am Bug unseres Schiffes. Nach einer kurzen Diskussion darüber, ob es sich bei dem Zeichen auf auf dem Schild um das VW Zeichen handeln würde (es war das Zeichen der Warnowwerft), habe auch ich mich mal erkundigt, was die Jungs hier eigentlich machen. Es stellte sich heraus, dass es sich um drei Gefängniswärter auch Salikhard handelt, die zusammen mit ihren Familien auf dem Weg in den Urlaub sind.
Ansonsten verlief der Tag wie erwartet eher unspektakulär. Über Mittag haben Sabine und ich die sibirische Sonne auf dem Kapitänsdeck genossen und die sibirischen Wälder an uns vorüber ziehen lassen. Der Höhepunkt war der Halt an zwei Ortschaften, von der eine keinen Anleger hatte, sondern nur ein ziemlich weit im Fluss vertäutes Floß, an dem unser Schiff anlegen konnten. Die auf dem Floß ab- bzw. ausgesetzten Passagiere wurden dann von ihren Dorfkollegen mit kleinen Motorbooten an Land geholt.
Jetzt ist es kurz vor Mitternacht, und auch wenn es noch nicht ganz dunkel ist, so merkt man doch, dass wir in Richtung Süden fahren und es mit der Mitternachtssonne nun langsam vorbeigeht.
3. Tag - Regenwetter
Als wir heute gegen 10 Uhr aufgewacht sind und aus dem Fenster schauten, konnten wir zuerst das Ufer vor lauter Nebel gar nicht mehr sehen. Schon bei klarem Wetter ist dies gar nicht so einfach, denn der Ob ist hier mindestens doppelt so breit wie jeder deutscher Fluß.
Absolut erwähnenswert ist der Start in den Tag mit einer heißen Dusche, der ersten seit wir hier an Bord sind. Gegen die Zahlung von 50 Rubel (1,49 €) an Olga, der russischen Version der deutschen Traumschiff-Beatrix, hat sie mir den erstaunlich sauberen Duschraum aufgeschlossen, in dem es dann auch tatsächlich warmes Wasser gab. Frisch gesäubert konnte der Tag also beginnen.
Leider war es den ganzen Tag über nicht nur neblig, sondern es hat auch bei ziemlich niedrigen Temperaturen die ganze Zeit geregnet. Wir haben also unsere Nase nur kurze Zeit an Deck in den Wind gesteckt. Natürlich haben wir uns den einzigen Halt des Tages als ganz besonderes Highlight, wie die anderen Passagiere auch, nicht entgehen lassen. Es handelte sich dabei um eine weitere Ansammlung relativ abgenutzt erscheinender Hütten und Häuser. Von weitem kann man hier die menschlichen Siedlungen an hoch aus der Taiga herausragenden Funkmästen erkennen. Heute haben wir allergings nur drei davon gesehen und bei einem angehalten.
Unsere drei Gefängniswärter haben wir heute nur kurz gesehen, da das Wetter wie beschrieben schlecht war. Auch mit anderen Mitreisenden in Kontakt zu kommen ist eher schwierig, da die meisten den ganzen Tag auf ihrer Kajüte bleiben. Mal sehen, vielleicht habe ich ja morgen etwas mehr Gelegenheit, mein Russisch an den Einheimischen auszuprobieren. Sicher kann dabei auch ein Besuch im "Videosalon" nicht schaden, in dem man sich jeden Abend den gleichen Film "Liebe und Verrat" ansehen kann.
4. Tag - Sommer in Sibirien & Winter auf dem Mittelmeer
Höhepunkt des ansonsten ziemlich ereignislosen Tages war die Durchfahrt durch eine kleine Tatarensiedlung. Der Kapitän hatte uns angesprochen, jedem von uns 10 Cent in die Hand gedrückt und auf das Vorderschiff direkt vor die Brücke mitgenommen. Dann hat er uns erzählt, dass der Fluss die am Ufer sichtbare Siedlung deshalb teilt, weil sich zwei Brüder über eine Frau zerstritten hatten und deshalb das ursprünglich einheitliche Dorf in zwei Hälften geteilt wurde, für jeden Bruder eine. Zumindest war es das, was ich von seinen Ausführungen verstehen konnte. Auf jeden Fall sollten wir dann die Centstücke ins Wasser werfen, da dies wohl Glück bringen soll. Das haben wir dann auch getan, wie viele andere Passagiere auch, die die Story wohl von sich aus schon kannten.
Bei der Gelegenheit haben wir auch einiges über den Kapitän. Im Sommer steuert er die "Tschernoschewski" genau zehn Mal den Ob und Irtytsch hoch und runter, denn länger sind die Flüsse nicht eis- und sturmfrei. Er ist inzwischen das sechste Jahr Kapitän auf diesem Schiff und hat es, nach allem was wir sehen können, bestens im Griff. Zumindest schrubben seine Matrosen täglich das Deck und auch ansonsten sieht das Schiff für seine 51 Jahre erstaunlich gut aus. Im Winter, wenn der Fluss zugefroren ist, fährt auf dem Mittelmeer russische Passagiere auf Kreuzfahrten umher. Er gab uns auch gleich eine Kostprobe, seines Seemannsenglisch, welches sich allerdings auf die nautischen Fachbergriffe zu beschränken schien. Für die Sommertour auf Ob und Irtytsch erhält unser Kapitän 1.000 € Monatsgehalt, für die Wintertour auf dem Mittelmeer erhält er 2.000 € monatlich. Es ist eine Eigenart der Russen, dass sie einem immer gleich erzählen was sie verdienen und meistens gleichzeitig wissen wollen, was wir denn so verdienen.
Ansonsten verlief auch unser heutiger Tag eher beschaulich, da sich zu dem Regen inzwischen auch noch sibirische Kälte gesellt hat. Heute früh hatte unser Schiff seinen bislang einzigen Halt in dem Wintersportort Chanty-Mansisk. Dort wird einmal im Jahr ein Biathlon Weltcup-Wettbewerb ausgetragen. Das und der nach Auskunft des Kapitäns ca. 7 Jahre zuruckliegende Ölfund in der Nähe hatten offensichtlich zur Folge, dass der Ort sich die erste richtige Landungsbrücke leisten konnte, die wir auf den bisher zurückgelegten ca. 1.100 km besichtigen durften. Außerdem fuhren sogar deutsche Mercedes-Busse durch die asphaltierten Straßen, ein echtes Novum für Sibirien. Die Chance zum Einkaufen bei diesem einstündigen Halt haben wir allerdings verpasst. Wir werden das morgen früh in Tobolsk versuchen nachzuholen. Unsere Vorräte sind so gut wie aufgebraucht und das Schiffsrestaurant sieht leider nicht wirklich verlockend aus.
Chanty-Mansisk war auch der Ort, an dem wir vom Ob auf den Irtytsch abgebogen sind. Bislang konnten wir aber keine Veränderungen in der Landschaft feststellen, ausser dass ein paar mehr Orte zu sehen sind. Allerdings gibt es jetzt deutlich mehr Flusskurven und heute Abend haben wir sogar ein bisschen blauen Himmel am Horizont sehen. Wir hoffen, dass es morgen endlich was wird mit dem lauen Leben auf dem Sonnendeck.
5. Tag - Endloses Sibirien - Endloser Regen
Heute morgen hatten wir uns den Wecker gestellt, um die Ankunft in Tobolsk, die nach unserer Deutung des Fahrplans um 7 Uhr stattfinden sollte, nicht zu verpassen. Hier wollten wir vor allem unsere Vorräte auffüllen und uns den Kreml dieser ehemaligen Hauptstadt Sibiriens zumindest von weitem anschauen.
Nachdem wir pünktlich um 5 vor 7 Uhr an der Reeling standen, waren wir völlig untypisch für solche Anlegemanöver ganz allein. Die Nachfrage bei Olga ergab, dass wir einen ganzen Tag zu früh waren und wir erst morgen in Tobolsk ankommen werden. Dies fügte sich zu der Information des Vortages, dass die Gesamtlänge unsere Flußfahrt bei 2.714 km anstatt der bisher vermuteten 2.400 km beträgt. Außerdem hatte unsere Agentur Troika-Reisen bei der Zeitangabe von 6 Reisetagen die Zeit für die flussabwärts gerichtete Fahrt von Omsk nach Salekhard angegeben. Da wir in Gegenrichtung und damit flußaufwärts unterwegs sind, wird unsere Reise 8 Tage dauern. Immerhin ist das Leben an Bord ziemlich kostengünstig.
Mittags hielten wir dann an einem anderen Ort, einem kleinen russischen Dorf, wo wir 1,5 Stunden zu früh ankamen, so dass wir hier unsere Vorräte im ziemlich kärglich bestückten Dorfladen auffüllen konnten. Das Dorf an sich war ziemlich unspektakulär und wirkte bei Regenwetter mit seinen schlammigen, unasphaltierten Strassen nicht besonders einladend.
Zuvor hatten wir noch ein Beispiel für die Versorgung entlegener sibirischer Ortschaften ohne Fähranleger beobachten können. Zwei Menschen standen am Flussufer und hatten ein Feuer gemacht. Zusätzlich winkte die Frau mit einem weißen Tuch. Unser Schiff hielt daraufhin an und ließ das Rettungsboot zu Wasser. Darin fuhren einige Mannschaftsmitglieder zum Ufer und lieferten eine ganze Menge Säcke unbekannten Inhalts bei den beiden Menschen am Ufer ab.
Ach so, geregnet hat es wieder den ganzen Tag. Allerdings haben wir uns nun ins Unvermeidliche gefügt und uns ganz in die mitgebrachte Lektüre vertieft. Ich lese gerade den 750 Seiten Wälzer "Die Siedler von Catan", der mich mehr fesselt als ich das vermutet hätte. Siehe hierzu auch unsere Buchrezensionen.
6. Tag - Die Tschernoschewski-Hymne
Heute früh war es nun soweit, dass wir in Tobolsk angelegt haben. Bei andauernden Regenwetter sahen der vom Fluss aus gut zu erkennende Kreml und der Rest der hinter dem schlammigen Anleger zu erkennenden Stadt bei weitem nicht so attraktiv aus, wie es der Lonely Planet Reiseführer vermuten lässt.
Bei der Weiterfahrt legte der Kapitän wie nach jedem Halt die Tschernoschewski-Hymne auf und ließ sie einmal mehr mittels Bordlautsprecher über den morgendlich stillen Irtytsch schallen. Es ist ein Lied, dass sich ein bisschen wie das Fliegerlied anhört und über unser stolzes Schiff handelt. Genaueres konnten wir mangels detaillierter Russischkenntnisse noch nicht herausfinden.
Im Gespräch mit dem Kapitän haben wir noch einiges über ihn erfahren. Er wohnt mit seiner Familie in Omsk, stammt aber ursprünglich aus Kirgisien. Er fährt auf Ob und Irtytsch seit 21 Jahren und hat als zweiter Offizier begonnen. Danach wurde er erster Offizier und seit sechs Jahren ist er Kapitän. Seine Frau ist ebenfalls mit an Bord und schmeißt die Bordkasse sowie den Videosalon. Sein Sohn ist auf der Seefahrtsschule und will ebenfalls Kapitän werden.
Jetzt wird uns wie jeden Abend um "Dreiundzwanzig Null Null" über den Bordlautsprecher eine gute Nacht gewünscht.
7. Tag - King Kong
Am siebten Tag sollst Du ruhen. Genau das haben wir heute gemacht und sind auf Urlaub von Taiga links und Taiga rechts gegangen. Die Auszeit haben im Stolz des Kapitäns, im "Videosalon", verbracht. Dort gabs in allerschönster russischer Synchronisation Hollywoods Neuverfilmung von "King Kong". Wir hatten den Film in Deutschland noch nicht gesehen, aber schnell festgestellt, dass man weder Vorkenntnisse zur Handlung noch fließendes Russisch benötigte, um der Handlung mühelos folgen zu können.
Wir wissen nicht wie es die russischen Airlines es mit Filmen über Flugzeugabstürze halten, die bei westlichen Airlines verständlicherweise nicht gezeigt werden. Die russischen Reedereien scheinen jedenfalls keinerlei Probleme mit Filmen an Bord zu haben, in denen Schiffe auf Riffe laufen und zu sinken drohen, wie es bei "King Kong" der Fall ist. Auch hatte in den Tagen zuvor Celine Dion den Titelsong aus "Titanic" über den Bordlautsprecher geschmettert. Mal sehen, vielleicht wir dieser Film auch noch im Videosalon angeboten.
Auch heute hatten wir wieder Gelegenheit zu einem kleinen Schwätzchen mit dem Kapitän. Wir haben erfahren, dass die Passagiere nach den Zeiten des Umbruchs wieder zahlreicher geworden sind. Während früher vor allem die zweite und dritte Klasse ausgebucht war und in der ersten gähnende Leere herrschte, ist es inzwischen umgekehrt. Den Leuten geht es wieder besser, was unser Kapitän nicht zuletzt Putin zuschreibt, der mit seinen Gegnern kurzen Prozeß macht. Jeltzin hätte hingegen nur gesoffen und Lieder gesungen. Eine Meinung, die wir schon von mehreren Russen so gehört haben. Auch erfahren wir, dass es den Städten Salekhard und Chanty-Mansisk vor allem deswegen so gut geht, weil dort vor einigen Jahren Gas bzw. Öl gefunden wurde. Vorher sahen sie wohl genauso aus, wie die meisten anderen Orte an unserer Strecke, die schon stolz sein können, wenn sie eine asphaltierte Straße besitzen. Nach Meinung des Kapitäns geht es aber nur in Russland einigermaßen voran, aber in den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nicht. Als Beispiel führt er seine noch in Kirgisien verbliebenen Eltern an, die zusammen nur 40 € monatliche Rente erhalten. Er selbst ist jedoch optimistisch, was die weitere Entwicklung in Russland angeht und möchte sich bald ein deutsches Auto, einen BMW, kaufen. Wann er den dann genau fahren will, konnte ich nicht so genau herausfinden. Im Sommer hat er zwischen den einzelnen Fahrten nämlich jeweils nur 27 Stunden Freizeit an Land. Und Winter ist er ja auf dem Mittelmeer unterwegs.
Ansonsten war mal wieder alles "Vsjo normalno", wie man hier sagt, wenn alles seinen gewöhnlichen Gang geht. Taiga links und Taiga rechts bei Regenwetter.
8. Tag - Sonnenschein
Als wir heute morgen aus dem Fenster sahen, konnten wir es gar nicht glauben: Es schien tatsächlich die Sonne über der Taiga. Wir haben uns auch sogleich an Deck begeben, um dieses Ereignis entsprechend zu würdigen und die Sonne zu genießen.
Als wir nach dem Duschen dann wieder auf das Promenadendeck wollten, mussten wir feststellen, dass dieser das schöne Wetter gleich für die Umsetzung einer ganz tollen Idee genutzt hatte: Er ließ seine Manschaft das komplette Promenadendeck neu streichen, welches somit für uns Passagiere nicht mehr begehbar war. Super Sache, endlich Sonnenschein und dann das. Dass nach dem letzten Halt heute morgen, bei dem uns fast alle verbliebenen Passagiere verlassen hatten, der Kiosk geschlossen ist und auch im Videosalon keine Filme mehr gezeigt werden, konnten wir ja gerade noch verkraften. Aber bei Sonnenschein nicht an Deck zu dürfen, ging mal gar nicht.
Am Nachmittag waren die Jungs mit dem Streichen fertig, aber die Farbe war noch nicht getrocknet. Wir haben uns aber wie schon vorher öfters aufs Kapitänsdeck verzogen und sind dort auch geduldet worden. Endlich ist was geworden aus unseren Vorstellungen von der lässig auf den Bauch scheinenden Sonne auf dem Sonnendeck.
Ein Vorteil hatte die Anstreichaktion allerdings doch: Wir konnten einen wirklich atemberaubenden Sonnenuntergang eng umschlungen von unserer Kabine aus beobachten, ohne dass jemand vor unserem Fenster langgelaufen wäre.
9. Tag - Omsk
Heute ist es soweit, dass wir endlich wieder festen Boden unter den Füssen haben. Omsk ist nach Novosibirsk die zweitgrößte Stadt Sibiriens und wir wir werden von unseren Erlebnissen hier wie von den weiteren Stationen bis hin zum Baikalsee ausführlich berichten.
Zuvor wurde unsere Geduld ziemlich auf die Probe gestellt. Nachdem wir nun nicht mehr auf das Promenadendeck durften, hat sich unser Kapitän auch noch dazu entschlossen, den nach 2.700 km ziemlich leergefahrenen Dieseltank neu aufzufüllen. Der Diesel verbreitete auf dem gesamten Schiff einen bestialischen Gestank, dem man nur einigermaßen entfliehen konnte, indem man sich in seiner Kabine bei geschlossenen Türen und Fenstern verbarrikadierte. Nach ca. 1,5 Stunden ging es dann endlich weiter. Allerdings hatten wir jetzt noch ein zweites Schiff im Schlepp, was unsere Geschwindigkeit kurz vorm Ziel noch entschieden verlangsamte. Um die Stimmung vor der Ankunft nicht allzu schlecht werden zu lassen, hat der Kapitän heute alle verbliebenen Passagiere (ein Häuflein von ca. 20) aufs Kapitänsdeck eingeladen, um von dort die endlosen Industrieanlagen am Rande von Omsk bewundern zu können.
Die Schiffsreise war für uns genau das richtige, um nach den anstrengenden letzten Wochen in Deutschland und dem anstrengenden Großstadtleben in Moskau mal so richtig abzuspannen. Zwar wäre etwas schöneres Wetter wünschenswert gewesen, aber auchso waren diese gigantischen Ströme Sibiriens ein echtes Erlebnis. Wir hatten viel Zeit, die vorüberziehende Taiga zu genießen, uns mit dem Kapitän zu unterhalten, Bücher zu lesen, Inhalte für unsere Website zu produzieren (wir diesen Content aus Zeitgründen erst in Krasnojarsk live schalten) und ganz einfach die Seele baumeln zu lassen.
Zusammenfassend lässt sich allerdings sagen, dass es 2 Tage weniger sicher auch getan hätten und wir empfehlen, schon in Tobolsk und nicht schon in Omsk auszusteigen. Die ausführlichen Tipps werden wir noch in das Kapitel Reiseroute einstellen.
Sabines Blog - Auf der Faehre nach Omsk, 31. Juli 2006
Schiffsreisend
Heute ist der erste Monat unserer Reise vorbei, jeder längere Urlaub wäre jetzt spätestens vorbei. Wir sind bereits seit 7 Tagen, und somit schon einen Tag länger, als wir ursprünglich gedacht hatten, auf der Fähre von Salekhard nach Omsk und werden unser Ziel morgen erreichen. Um alle Einzelheiten dieser Fahrt zu erfahren empfehle ich unbedingt Olafs Blog dazu zu lesen, da er wesentlich fleissiger war als ich und unser "Schiffslogbuch" für die einzelnen Tage geführt hat, und dabei so ausführlich geschrieben hat, dass ich dem kaum noch was hinzufügen kann. Daher habe ich mich entschlossen nur eine kurze Zusammfassung unserer Fahrt aufzuschreiben.
Letzten Montag, also genau vor einer Woche, um 15 Uhr Moskauer Zeit und 17 Uhr lokaler Zeit ist unser Schiff in Salekhard losgefahren. Wir waren über 2 Stunden früher da, weil ich mich immer noch nicht an das Umrechnen in Moskauer Zeit gewöhnen kann und wir sicher sein wollten, dass das Schiff nicht schon abgelegt hat. Die Entscheidung in der 1. Klasse zu fahren haben wir bis jetzt noch keine Minute bereut, denn wir haben eine ganz gemütliche Zweimannkabine auf dem Promenadendeck bezogen mit zwei - etwas schmalen - Sitzliegen auf jeder Seite, einem ausklappbaren Tisch in der Mitte, sowie auf der einen Seite einen kleinen Schrank und auf der anderen Seite einem Waschbecken mit fließendem Wasser auf der anderen Seite. Die Einrichtung ist holz-, plüschig-, oldstyle in den Farben rot und blau. Die Toiletten sind Gemeinschaftstoiletten, die zwar mehrmal täglich geputzt werden, dafür gibt es keine Brille und kein Klopapier, wenigstens für letzteres konnten wir Vorsorge treffen. Das Außenfenster geht auf das Promenadendeck und so können wir vom Bett aus Natur und Menschen an uns vorbeiziehen sehen. Da unsere Rucksäcke größer, als der dafür vorgesehene Platz ist, stehen diese etwas unpraktisch in der Mitte des Ganges. Leider ist es schwieriger als wir gedacht hatten mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, da aufgrund des vielen Regens (normalerweise sind die Sommer in Sibirien wohl warm und sonnig), die meisten Zeit auf der Kabine verbracht haben. Heute ist der erste etwas sonnige,trockene Tag, der von der Schiffscrew gleich dazu genutzt wird um das Promenadendeck zu streichen, dass eigens für die Zwecke gesperrt wurde und so sitzen wir wieder auf der Kabine. Die Zusammensetzung der Passagiere hat sich im Laufe der Fahrt geändert, am Anfang waren viele Nenzen mit an Bord, die Einheimischen, die wie Eskimos/Indianer aussehen. Mittlerweile sind fast nur noch Russen an Bord, außerdem leert sich das Schiff je näher wir nach Omsk kommen.
Bevor wir in Salekhard losgefahren sind haben wir sicherheitshalber Nahrungsmittel eingekauft, um nicht auf das Restaurant angewiesen zu sein. Darin haben wir mittlerweile schon Übung, da wir uns bis jetzt fast ausschließlich selbst versorgt haben. Hierbei hat uns unser kurz vor Abfahrt erworbenes Schweizer Taschenmesser mit dem schönen Namen "Rucksack" gute Dienste geleistet, ebenso wie unsere zwei Reisebestecks, die wir von Bärbel und Manfred geschenkt bekommen haben, und die uns bereits im Zug Bewunderung eingebracht haben, wofür wir uns an diese Stelle noch mal ganz herzlich bedanken möchten. Das hat sich in unserem Budget für Essen positiv auswirkt, denn bis jetzt haben wir hierfür erst etwas mehr als 400 Euro für uns beide ausgegeben (dafür mehr bei den anderen Kategorien). Bei einem Zwischenstopp hatten wir auch Gelegenheit diese wieder aufzufüllen, hauptsächlich mit Brot und Käse.
Bei der Ausfahrt aus Salekhard hatten wir Glück, denn wir hatten Sonne und einen unbeschreiblichen Himmel, der sich meilenweit über den breiten, fast geraden Strom Ob gespannt hat. Soweit das Auge reichte Tundra, Wasser und Himmel - unbeschreiblich. Am nächsten Tag fing es am Nachmittag an zu regnen und der Regen ist uns auch über weite Teile treu geblieben. Verändert hat sich die Landschaft. In den ersten Tagen blieb der Strom gleichmäßig breit und gerade. Der Wald, der mit zunehmender Tageszahl immer höher wurde, aber gleichbleibend dicht stand, so dass er von weiten wie Dungel aussah. Pro Tag haben wir nur wenige Siedlungen gesehen, meistens nur an den Haltestellen der Fähre. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel und auch keinen so dichten Wald gesehen wie hier. Das Bild hat sich geändert, seit dem wir auf dem Fluss Irtytsch eingebogen sind. Dieser ist wesentlich schmaler und oft auch kurvenreich. Die Landschaft ist etwas lieblicher geworden, mehr Birken in den Wäldern, an denen ich mich gar nicht satt sehen kann, aber auch mehr Grassflächen, auf denen nur vereinzelt große Bäume stehen, so dass es fast nach Parklandschaft aussieht. Kurz hinterTobolsk habe ich die erste Brücke gesehen, die über den Fluss führt. Auch die Ortschaften nehmen zu, d.h. man sieht ca. 1-2 pro Stunde und ab und zu sogar ein paar Menschen. Ebenfalls der Schiffsverkehr hat etwas zugenommen.
Wenn wir nicht gerade an Deck sind oder aus dem Fenster sehen, lesen wir viel oder spielen Karten (an dieser Stelle ebenfalls vielen Dank an Conny und Lothar für das Backpacker-Spiel, bei dem wir uns geade in das Regelwerk einarbeiten, bisher ist aber Olaf der bessere Backpacker von uns beiden), Olaf hat seinen Hamburg-Aufnäher auf den Rucksack genäht und ich meine Jeans etwas abgenäht, da ich irgendwie abgenommen habe, und die Hose schon bedrohlich weit nach unten rutschte. Außerdem hat hauptsächlich Olaf, aber auch ich die Zeit genutzt, um ein für unsere Webseite zu schreiben, u.a. einige Rezession über Bücher, die wir während der Fahrt gelesen haben, aber auch sonst noch einige Artikel im Bereich Planung und Ausruestung. Wir hoffen, dass wir es spaetestens Kransnojarsk schaffen, alles auf unserer Webseite einzustellen. Ansonsten haben wir die aufgezwungene Einengung der Bewegungsfreiheit genutzt um uns zu erholen und auszuruhen, da die Tage bis zur Abreise aus Deutschland aber auch die Wochen in Moskau etwas stressig waren.

